Muss ich mit jedem/jeder können?

Im Zuge der aufkommenden Diskussionen von Frauenministerin Schröder (mehr oder weniger) mit Feminismusikone Schwarzer, oder dem Evolutionsblog mit Feministinnen wie dem Piratenweib stellte sich mir eben die Frage: Muss ich als bekennende Feministin mit allem solidarisieren, was sich Feminismus nennt? Muss ich mit allen d’accord gehen, die sich „Frau“ nennen? Gibt es so was wie Frauensolidarität noch bzw. sollte es so etwas geben?

Wenn ja, wenn Frauen noch immer eine überall prinzipiell unterdrückte und benachteiligte Gruppe der Bevölkerung sind, würde das bedeuten, dass ich dies mit allen anderen als weiblich geborenen Wesen teile und wir uns daher im Schulterschluss üben müssten. Dann müsste ich mich mit Angela Merkel, Ursula von der Leyen, Alice Schwarzer, Eva Herman, Charlotte Roche, Kristina Schröder, Charlotte Engelhardt, Heidi Klum und Sonja Kraus (sowie die vielen ungenannten doch bekannten und unbekannten anderen Frauen) gemeinsam gegen „das Patriachat“ oder patriarchale Strukturen oder „die Männlichkeit“ stellen. Wird nur etwas schwierig. Die mir spontan eingefallenen Figuren vertreten die unterschiedlichsten politischen und privaten Meinungen und Lebensentwürfe. Um ehrlich zu sein, ich möchte mit keiner von ihnen tauschen. Und keiner in allem was auch immer sie sagt, zu 100% zustimmen. Nicht pauschal.

Zumal ich der Meinung bin, dass eine solche Handlung andere Geschlechter ausgrenzt, die sonst prinzipiell meiner Meinung wären. Gab es nicht Studien, die belegten, dass die Unterschiede innerhalb einer Genusgruppe größer sind als zwischen Männern und Frauen? Wo ist diese Erkenntnis, wenn sich eine mal wieder für pauschale Frauensolidarität ausspricht? Was weiß ich als weiße Studentin in einem europäischen Land denn von den Sorgen z.B. der Hartz4-EmpfängerInnen, der muslimischen oder für muslimisch gehaltenen Menschen, der AfrikanerInnen, Chinesinnen oder Homosexuellen?

Muss ich mit allem einverstanden sein, dass sich als feministisch betitelt? Wäre das nicht genau wieder eine Friede-Freude-Eierkuchen-Welt-Harmonisierung? Beschneidet sich „der Feminismus“ nicht selbst, würden die unterschiedlichen Debatten, Prämissen und Herangehensweisen verleugt, die eben eine soziale Bewegung ausmachen? Wären wir dann nicht wieder bei diesem „Alice Schwarzer ist der deutsche Feminismus“, dem sich die Medien so gerne verschreiben. Und Berlusconi ist Italien und Freud die Psychologie? Nein, eine Bewegung, worunter ich Feminismus verstehe, ist eine bunte, vielfältige und war es schon immer. Und da steht es mir frei, mich denen einen mehr verbunden zu fühlen, als den anderen. Und auch das nicht pauschal, sondern ganz im Sinne der Postmoderne je nach Fragestellung mal zu der einen Position, mal zu einer anderen tendiere.

Was mich in dem Zusammenhang noch ziemlich ankotzt, ist, dass ich sobald ich einmal Kritik an was auch immer äußere, gleich als „Feindin“ der jeweils anderen Seite eingeordnet werde. Vergesst es!

Wenn ihr in eurer Gut-Böse-Dualität leben wollt, bitte. Aber verurteilt mich nicht, weil ich mich als Feministin äußere. Stellt mich nicht in eine Ecke, steckt mich nicht in eine Schublade. Ich bin keine von „den Feministinnen“ – woher soll ich wissen, was die alles so sagen oder gesagt haben? Wieso sollte ich dafür gerade stehen, was irgendeine andere Person einmal postuliert hat? Seht mich als Disclaimer: ich bin eine Webseite und übernehme aber keine Verantwortung dafür, was auf anderen Webseiten steht, selbst wenn ich auf sie Bezug nehme. Genauso bin ich keine von „diesen Verleugnerinnen/Verräterinnen“. Ich stehe für mich, als Einzelperson in ihrem spezifischen Kontext.

Ich bin gegen Frauensolidarität aus Prinzip. Ich bin gegen Feminismusbashing aus Prinzip. Ich bin dagegen, alles pauschal zu befürworten oder zu verurteilen.

Ich will auch eine Frau nicht-mögen können, wie ich einen Mann mögen können will ohne ihn gleich als sexuellen oder Lebenspartner in Betracht zu ziehen. Ich bin dafür, dass ich als Feministin gesehen werde – und dann bitte gefragt, was ich darunter verstehe. Ich bin dafür, dass ich z.B. Lesben generell positiv gegenüberstehen, aber hin und wieder zu einer auch sagen kann „Du gehst mir auf den Keks!“ ohne gleich als homophob dazustehen. Ich bin dafür, selbst zu entscheiden, mit wem ich kann und mit wem nicht.

Ich will mit niemandem MÜSSEN. Ich will mit allen DÜRFEN. Ich DARF – vor allem darf ich selbst entscheiden, mit wem ich nicht will!

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5 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Christian - Alles Evolution
    Nov 19, 2010 @ 19:08:08

    Das Schubladendenken ist leider immer schnell vorhanden, weil man gerne nach Begriffen zuordnet. Und der Gleichheitsfeminismus ist eben so vorherrschend, dass man fast annehmen kann, dass eine Feministin ihn vertritt.

    Das ist das Problem von Labeln. Wenn man sie sich umhängt, dann häufig mit der gesamten damit verbundenen Altlast. Und gerade der Feminismus hat eben auch einiges an Altlasten.

    Aber du hast recht, man sollte jeden Menschen die Chance geben erst einmal selbst eine Position oder auch verschiedene Positionen zu bilden und ihn nicht gleich einer Gruppe zuordnen.

    Die Kritikfähigkeit allen Meinungen gegenüber finde ich sehr wichtig. Es sollte da möglichst wenig Denkverbote geben, solange man etwas sachlich diskutiert.

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Nov 23, 2010 @ 21:43:42

      Eben 🙂
      Offenheit für sachliche Argumente jeder Art ist imho Grundvoraussetzung für eine Diskussion. Sonst wäre es ja eine Debatte, in der jede/r nur versucht, andere für seine/ihre Meinung zu gewinnen.

      Und selbst wenn an einem Label Altlasten hängen, dann nehme ich die in Kauf. Ich kann mir ja auch nicht für meinen Standpunkt jedesmal einen neuen Begriff ausdenken, das würde es nur unnötig verkomplizieren.

      Antwort

  2. thoughtsunderconstruction
    Nov 22, 2010 @ 00:51:49

    „Muss ich mit allem einverstanden sein, dass sich als feministisch betitelt?“
    Nö. Um Gottes Willen! Ich arbeite mit einer Definition von Feminismus die sehr klar ein- oder ausgrenzt wofür oder wogegen ich bin.
    Ich empfehle dir auch mal zu definieren was für dich Feminismus ist und das Leuten dann einfach zu sagen wenn sie dir mal wieder mit absurden Vorstellungen von Feminismus oder so kommen… und das können sogar „Feminist:inn:en“ sein denen du deine Definition herbetest um blöde Diskussionen zu vermeiden :).

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Nov 23, 2010 @ 21:49:34

      Jetzt würde mich deine Definition von Feminismus interessieren. Vielleicht habe ich ja schlecht gesucht aber auf deinem Blog nichts gefunden, das ich unter „sehr klar ein- oder ausgrenzen“ verstehen würde. Oder wir sehen das zu ähnlich, weiß ich ja nicht 😉

      Den Tipp werde ich beherzigen und mal schauen, ob ich etwas finde, dass meine „Idee von Feminismus“ konkretisiert.
      Bin bisher nur bei „Keine Person sollte aufgrund ihres Geschlechts benachteiligt/begrenzt werden“. Das ist aber eher ein- als ausschließend und bis auf absolut reaktionäre Geister würden mir da wohl alle zustimmen.

      Antwort

  3. thoughtsunderconstruction
    Nov 24, 2010 @ 09:11:33

    Hi Khaos.Kind, ich arbeite mit der Definition von bell hooks, „Simply put, feminism is a movement to end sexism, sexist exploitation, and oppression.“
    Das Zitat stammt aus ihrem Buch „feminism is for everybody“, allerdings hat sie sie schon in einem anderem Buch genannt. Ihre Definition ist also schon mehr als zwanzig Jahre alt – soviel zum Thema Altlasten ;).

    Antwort

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