Neue Traditionen und das Vorsatzdilemma

Ein (P)review.

 

Während draußen die ersten Menschen ihr Geld in bunten Farben in den Wind schossen und die Luft mit dem typischen Duft von Silvester erfüllten, saß ich und schrieb einen Brief. An mich.

Eine wunderbare Frau hat mich darauf gebracht. In der Zeit, in der die Welt zurück blickt und ein TV-Sender nach dem anderen in der Melancholie und Sehnsucht des Gestern schwelgt, sehe ich nach vorne. Was wünsche ich meinem zukünftigen Ich, welche Pläne habe ich für das kommende Jahr? Ob sie sich bewahrheiten werden?

Same same but different.

2010 war ein Jahr voller Veränderungen.

Ich habe meinen Bachelor erfolgreich abgeschlossen, bin mit meiner besseren Hälfte in eine wunderschöne Wohnung gezogen und habe in einer neuen Stadt, einem neuen Land mein Masterstudium begonnen. Ich habe in dieses neue Leben viele gute Freundschaften mitnehmen können und neue interessante Menschen kennenlernen dürfen. Ich durfte der Geburt eines Glückskindes beiwohnen. Ich habe ein Buch veröffentlicht. Ich kann mittlerweile gut mit meinem Diabetes umgehen und habe eine neue Sportart für mich entdeckt.

Ich habe die Idee, wie es weitergehen könnte.

Das kommende Jahr wird ruhiger, was die äußeren Umstände angeht. Es wird Zeit, mich auf mich und meine innere Entwicklung zu konzentrieren. Wie die aussehen könnte, steht in diesem Brief.

Same procedure as last year?

Same procedure as every year.

Same same but different.

Wie es bei Jahreswechseln üblich ist – die Menschen nehmen sich etwas vor. Sei es, mehr Sport zu machen, ein Laster aufzugeben, freundlicher mit den Mitmenschen umzugehen, einen alten Traum endlich anzugehen, etc.

Das wirft eine gewisse Problematik auf.

Es stellt sich mir jedes Jahr die Frage: Warum am Jahresende?

Ist ja nicht so, als wären das Datum rein willkürlich und der 1.Januar vom Prinzip her genauso wie der 31. Dezember des Vorjahres. Einfach ein kollektiver Feiertag, nach einem kollektiven Feiertag. Hebt sich von Ostern, Pfingsten oder Weihnachten nur dadurch ab, dass es nachts laut wird und bunte Lichter den Himmel erfüllen.

Warum also gerade der Jahreswechsel? Warum nicht zu Beginn des neuen Monats. Oder der neuen Woche? Oder einfach morgen?

Der zweite Punkt, der mich verwundert: Warum soll auf einmal alles anders sein?

Warum ab dem Tag nicht mehr rauchen, mehr Sport, netter, sozialer usw.? Wacht ein Mensch auf und ist anders? Frönt mensch so nur der Sehnsucht nach, dass irgendwo tief in ihm/ihr eine andere, bessere Version schlummert, die sich nur nicht gezeigt hat die ganzen letzten Jahre? Und wie auf Knopfdruck einfach auftauchen kann?

Kann es besser sein, einfach so?

Ich würde dem ja vehement widersprechen. Denn Sein ist Werden. Und geworden-sein.

Wie ich bin, bin ich geworden durch vielerlei Einfüsse und Erlebnisse und Begegnungen und Entscheidungen. Meine Faulheit, der Unwille bezüglich körperlicher Betätigung ist nicht etwas mir aufgezwungenes. Sie ist genauso Teil dessen, was „Ich“ bin wie mein Arm oder der Leberfleck an meinem rechten kleinen Finger. Das Rauchen, diese geliebt-verhasst Angewohnheit (die auch ich irgendwann abzulegen gedenke), kommt nicht einfach über mich. Es ist mein Begleiter geworden im Laufe der Zeit. Eine Folge von Entwicklungen. Keine alte von Motten zerfressene Bluse, einmal neu und aktuell gewesene, Zeitung, die ich nur in den Müll zu werfen brauche.

Diese Eigenschaften sind geworden und ein Teil von mir. Sie loszuwerden braucht mindestens so lange, wie ich sie erworben habe. Ehemalige Alkoholiker sind auch nicht gleich trocken, wenn sie aufhören zu trinken. Sie kämpfen teilweise ein restliches Leben lang.

Wer also etwas beenden will, aus welchen Gründen auch immer, ja, der oder die soll es tun. Aber nicht einfach „Schnipp“ und fertig ist der neue Mensch. Es braucht Zeit. Und Mut. Und Durchhaltevermögen.

Weswegen auch ein dritter Punkt in meinen Augen idiotisch ist: Menschen, die am 2. Januar ihre Vorsätze brechen.

Denn Sein ist Werden. Und wenn es heute nicht klappt, dann eben morgen.

Die Lösung ist also nicht, sich für das neue Jahr, den neuen Monat, die neue Woche, den neuen Tag nichts mehr vorzunehmen. Die Lösung ist der Weg. Einmal öfter aufzustehen als hinzufallen (Memo an mich selbst: Kalendersprüche aus meinem Vokabular streichen!). Es zu versuchen. Heute. Morgen. An jedem weiteren Tag.

Die Lösung ist, zu leben und sich weiter zu entwickeln. Sein. Und werden.

Same same but different.

(Ich bin gespannt, wie ich meinen Brief in einem Jahr lesen werde.)

15 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Lucia
    Jan 30, 2011 @ 08:56:49

    Jeder Floskel ist die Möglichkeit immanent zur selbsterfüllenden Prophezeiung zu werden. Damit meine ich deine sich wiederholenden Worte – meine bessere Hälfte – Ich kenne dich nur virtuell und kann deswegen nicht beurteilen, welchen Wert sie für dich haben und ob sie dich tatsächlich beeinflussen. Mich erstaunt es nur, dass du sie wiederholst.

    Liebe Grüße,
    Lucia

    Antworten

  2. Lucia
    Jan 30, 2011 @ 09:04:06

    EDIT:

    Wollte sagen:

    Dass du sie wie im alten Jahr im Neuen wiederholst. *grins*

    Antworten

    • Khaos.Kind
      Jan 30, 2011 @ 11:33:53

      In diesem Falle ist die Floskel Abbildung eines Wertes. Wobei der Wert in der „Hälfte“ besteht, nicht im „besser“.
      Hängt viel damit zusammen, dass die wechselseitige Ergänzung des Yin-Yang mich sehr geprägt hat und trägt. Aber dazu mehr in einem eigenen Blogeintrag.

      Auch wenn die Floskel die Realität nur unzureichend abbildet, kommt sie dem Wert näher als andere (geschlechts)stereotype Bezeichnungen. Ich hoffe, ich trage sie noch in viele weitere Jahre.

      Antworten

  3. Lucia
    Jan 30, 2011 @ 12:58:21

    Aso, ich kenn mich mit Ying-Yang nicht wirklich gut aus. Als es mir begegnete, habe ich es einfach bei Esoterik abgeheftet und die konnte ich damals wie heute nicht ausstehen. Aber zumindest ist es besser als das christliche idiotische Gut und Böse, so viel weiß ich gerade noch.

    PS. die E-Mail-Benachrichtigung für weitere Kommentare geht i-wie nicht.

    Antworten

    • Khaos.Kind
      Jan 30, 2011 @ 14:05:07

      Yin-Yang hat natürlich einen gewissen kulturellen Hintergrund, der bei „uns“ oft unter Esoterik fällt. Und ohne mein Herumstreunen in esoterischen Kreisen wäre ich wohl auch nicht drauf gekommen😉
      Aber ich schreib die Tage mal was dazu und dann können wir ja darüber diskutieren, ob und wie esoterisch der Ansatz wirklich ist.

      ad Mail-Benachrichtigung:
      „Geht irgendwie nicht“ ist eine sehr schlechte Beschreibung eines Problems😉

      Bin zwar keine Expertin mit wordpress aber irgendwie bekomme ich das schon hin.
      Was genau geht nicht? (ich nehme an, du bekommst keine Meldung, wenn neue Kommentare geschrieben werden)
      Aber bekommst du gar keine Mail oder nur einmal eine?
      Vielleicht musst du ja bei jedem neuen deiner Kommentare unten das Häkchen anklicken (auch wenn das total idiotisch wäre)?

      Falls es nur beim letzten Kommentar so war, da hab ich meinen nochmal bearbeitet, es könnte also sein, dass du quasi über die „alte“ Version per Mail benachrichtigt worden bist und hier dann eine neue gefunden hast.

      Ich teste da noch ein bisschen rum. Du kannst ja die Fragen oben als Kommentar beantworten oder mir ne Mail schreiben (s. Impressum).

      Antworten

  4. Christian - Alles Evolution
    Jan 31, 2011 @ 17:30:24

    Auch noch ein Kalenderspruch, der sich immer gut zum neuen Jahr macht:
    „Wenn man nicht weiß, welchen Hafen man ansteuert, ist kein Wind günstig“ (Seneca).

    Vielleicht der Grund, warum man sich so gerne gute Vorsätze macht.

    Antworten

  5. Christian - Alles Evolution
    Feb 01, 2011 @ 14:44:29

    Weil die Leute im neuen Jahr frisch durchstarten wollen und sich diesmal vornehmen, den „richtigen Hafen“ anzusteuern, damit es auch besser läuft.

    Die Vorstellung, was der richtige Hafen ist, wird allerdings meist etwas optimistisch getroffen.

    Antworten

    • Khaos.Kind
      Feb 01, 2011 @ 15:07:20

      Abgesehen davon, dass ich Kalendersprüche nicht ausstehen kann, weil sie größtenteils unsinnige Plattitüden sind:

      „im neuen Jahr frisch durchstarten“
      Genau das kritisiere ich doch. Warum zum Jahreswechsel und nicht einfach heut/morgen?

      „was der richtige Hafen ist, wird meist etwas optimistisch getroffen“
      Und wie passt das jetzt darauf, dass die Vorsätze sich meist eben nicht ändern?
      Zumal Optimismus für eine Veränderung notwendig ist, die zu einem „Besser als jetzt“ führen soll. Meinst du nicht?

      Antworten

    • Lucia
      Feb 02, 2011 @ 11:15:19

      Kryptischer geht’s wohl nicht mehr. *lol*

      Antworten

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