Wundersame weibliche Brust

Das Khaos.kind hat letzte Woche wieder mal ferngesehen. Kult um den Busen. Auf arte. (leider nicht mehr online verfügbar)
Die Sendung hat bei mir die Frage aufgeworfen, welchen Zugang die Geschlechter zur weiblichen* Brust haben und ob sie sich darin unterscheiden:

Für viele Frauen* ist die Brust ein bestimmender Faktor für den eigenen Selbstwert. Das beginnt in der Pubertät mit den Fragen, ob sie wächst und wann und wie groß wird sie einmal sein. Egal, ob die Brust erst spät anfängt zu wachsen oder relativ klein bleibt oder wenn sie früh wächst und groß wird – beides kann für eine Heranwachsende schwierig sein. Zudem die Brust nicht gleich so „schön“ wächst, wie sie in den Medien zumeist dargestellt wird. Oft wachsen sie ungleichmäßig, sind nicht gleich groß (tendenziell ist die Brust auf der „Schreibseite“ von Links- und Rechtshänderinnen etwas kleiner und fester, zurückzuführen auf die ausgeprägteren Muskeln und Bänder) und die Warzenhöfe wachsen eh als erstes und sehen irgendwie immer unpassend groß aus. Im Vergleich zu den Normbrüsten der Medien. Im Laufe des Lebens verändert sich die Brust immer wieder. Je nach Zyklusphase ist sie praller oder schlaffer, empfindlicher oder sie ist halt einfach da. Nach der Geburt eines Kindes wird sie groß und schwer, die Adern treten deutlicher hervor (nicht gerade ein ästhetischer Anblick) und das ständige Auslaufen milchvoller Brüste, die Bedürfnisse eines Babys sowie sein unkontrolliertes Saugen sind zwar „natürlich“ aber erwecken nicht gerade das Gefühl von Selbstbestimmung über den eigenen Körper. Mit zunehmendem Alter nimmt die Elastizität des Bindegewebes ab und mit dem Absinken der Brust sinkt quasi auch das weibliche* Selbstwertgefühl.
Wen wundert es wirklich, dass sich Frauen* mitunter über ihre Brüste definieren? Bei einem Jungen* ist ja quasi von Geburt an alles dran. Mädchen* dagegen müssen nicht nur in der Pubertät ihren Platz in der Welt finden, sondern auch sich selbst, müssen verarbeiten, dass da etwas Neues ist, was sie vom „anderen Geschlecht“ abhebt. Wie könnten sie ihre neue Form durch die Welt tragen, ohne von außen darauf reduziert zu werden? Und dass sie (anfänglich) über ihre Brüste definiert werden, kann wohl niemand bezweifeln. Wohl jede/r kennt Bezeichnungen wie „BMW – Brett mit Warzen“ oder „Tittenmonster“.
Sich das bewusst zu machen, hilft zu verstehen, warum dass viele Frauen*, die sich die Brüste aus nicht-orthopädischen Gründen operieren lassen, behaupten: Ich tue das für mich.
Die Frau* ist (auch) ihre Brust und ihr Weg damit umzugehen für ihren Zugang zur Welt in meinen Augen substanziell.

Männer* haben es da einfacher.
In der Pubertät bekommen natürlich auch männliche* Heranwachsende mit, dass da bei gleichaltrigen Mädchen* etwas wächst, was vorher nicht da war. Und das fasziniert, weil es so unvorstellbar scheint. Wie gesagt, an ihrem Körper ist prinzipiell seit der Geburt alles dran. Wie sieht eine „echte“ Brust aus? Wie entwickelt sie sich, in welchen Stufen? Wie fühlt sie sich an? Wie ist es, eine zu haben? Gerade in der Zeit, in der viele Mädchen* lieber unsichtbar sein wollen, geraten sie und ihr Körper ins Blickfeld der anderen. (auch wenn starren unhöflich und anfassen gesellschaftlich beschränkt ist)
Ein Großteil der Männer* ist fasziniert von Brüsten.
Das ist nicht weiter verwunderlich. Eine Brust ist für Kinder der erste Zugang zur Welt. Etwas, von dem sie abhängig sind. Dass ihnen Angst macht und gleichzeitig doch Geborgenheit schenkt. Ich würde die These aufstellen, dass die Vorlieben viele Menschen für eine bestimmte Brustgröße oder Form damit zusammen hängt, welche Erfahrungen sie mit der Mutterbrust verbinden. Der Regisseur Russ Meyer gab offen zu, dass seine Mutter große Brüste hatte und diese Assoziation von Wärme, Nähe und Geborgenheit (mehr oder weniger) dazu führte, dass er große Brüste mag.
Für Männer* ist die weibliche Brust primär Lustobjekt. Auch wenn sie selbst funktionierende Brust- bzw. Milchdrüsen besitzen und stillen könnten.
Die Faszination der weiblichen* Brust und der Fokus auf den sexuellen und erotischen Aspekt lässt sich auch in existenzphilosophischer Weise mit dem „anders sein“ erklären. Die weibliche* Brust ist etwas, das dem eigenen ähnlich ist aber doch fremd (Beauvoir lässt grüßen).

In den letzten Minuten der Dokumentation stellt Ruzha Lazarowa (ukrainisch-stämmige Schriftstellerin) die Behauptung auf, dass es praktisch nur die Brust ist, die Männlein und Weiblein voneinander unterscheidet. Die Genitalien passen ineinander und sind ähnlich aufgebaut. Brüste haben nur Frauen*, dazu gibt es kein Pendant.
Ich denke, da ist etwas Wahres dran.

*In diesem Artikel werden Mädchen und Frauen darüber definiert, dass bei ihnen die Brust wächst, Jungs und Männer darüber, dass sie nicht wächst. Natürlich ist mir klar, dass die Grenzen da fließend sind und es durchaus Möglich- und Notwendigkeiten gibt Brüste zu vergrößern oder abzunehmen.

3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Christian - Alles Evolution
    Feb 15, 2011 @ 16:51:53

    „Die Faszination der weiblichen* Brust und der Fokus auf den sexuellen und erotischen Aspekt lässt sich auch in existenzphilosophischer Weise mit dem „anders sein“ erklären. “

    In der Biologie erklärt man die Brust als Costly Signal nach der Signaling Theory. Den zum Milch produzieren bräuchte der Mensch die Brust nicht wie andere Primaten ohne Brust zeigen. Aber durch das Bindegewebe lässt eine straffe Brust auf Jugend und durch die Symmetrie auf gute Gene schließen. Da es gerade aufgrund der nachlassenden Fruchtbarkeit der Frau für diese günstig ist ihre Jugendlichkeit zu präsentieren bietet sich die Brust für eine sexuelle Selektion an. Geoffrey Miller hat das recht anschaulich in The Mating Mind ausgeführt.

    Deswegen sind die Brüste bei Models auch immer symmetrisch und symmetrische Brüste werden weltweit als attraktiv empfunden, obwohl schiefe oder unterschiedlich große Brüste ja durchaus häufig vorkommen. Aus dem gleichen Grund haben sie feste Brüste und Hängebrüste gelten nicht als schön.

    Antworten

    • Khaos.Kind
      Feb 15, 2011 @ 17:10:26

      @Christian
      Für Unwissende und andere Neulinge bitte präzisieren:
      Du sprichst von der Signalling Theory und der Evolutionsbiologie. (beides von der englischen Wikipedia, weil die deutsche dazu nichts hergibt)
      Nicht zu verwechseln mit dem Signalling aus der Ökonomie, der Signal Theory der Ingenieurswissenschaften oder anderen biologischen Bereichen wie der Molekularbiologie.

      Würdest du denn die Idee teilen, dass die Geschlechter einen unterschiedlichen Zugang zu weiblichen Brust haben?
      Und was hälst du von der These, dass es die Brust ist, die die Geschlechter voneinander unterscheidet?

      Antworten

  2. Christian - Alles Evolution
    Feb 15, 2011 @ 18:30:19

    „Würdest du denn die Idee teilen, dass die Geschlechter einen unterschiedlichen Zugang zu weiblichen Brust haben?“

    Natürlich. Für (heterosexuelle) Männer wird es ja durch die sexuelle Selektion zu einem Attraktivitätsmerkmal.

    „Und was hälst du von der These, dass es die Brust ist, die die Geschlechter voneinander unterscheidet?“

    Es ist eines der Merkmale, dass sie unterscheidet. Aber nicht das wesentliche/ausschlaggebende, wenn auch in vielen Fällen ein sehr offensichtliches.
    Die Abgrenzung im Extremfall an der Brust fest zu machen wird nichts bringen. Da würde ich die primären Sexualorgane schon ausschlaggebender finden.
    Das Argument, dass etwas „ineinander passt“ und deshalb nicht zur Abgrenzung taugt, kann ich auch nicht recht nachvollziehen. Eine Schraube kann ich ja auch unproblematisch von einem Dübel abgrenzen (oder ein Bier von einem Kühlschrank etc)

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