Nervenheilanstalt, Teil II

Oder: Mittel und Wege ES und Über-ICH in Einklang zu bringen

Nachdem ich HIER meine Wut über mangelhafte Diskussionskultur(en) in Blogs, die sich mit Geschlechterthematiken beschäftigen, ausgelassen habe, heute mal ein paar konstruktive Inhalte.

Grundsätzliches zu Blogs

Blogs sind an sich mehr auf externe, denn auf interne Diskussionen ausgelegt. Jemand liest etwas im Netz/auf einem anderen Blog und lässt sich davon zu einem eigenen Beitrag inspirieren oder reagiert direkt auf etwas.  Aber nicht alle haben eigene Blogs oder wollen eigene haben, sondern einfach nur etwas kommentieren. Ist ja auch super, vom Kommentieren wird ein Blog richtig schön lebendig. Und aus den Kommentaren kann sich eine Diskussion entwickeln.
ABER
Der Aufbau eines Blogs erschwert das gescheite Miteinander-auseinandersetzen in den Kommentaren.

Blogs sind vom Aufbau her eine Mischung aus Diskussionsportal und der Facebook-Pinnwand. Es gibt einen Haupteintrag und die Möglichkeit zu kommentieren. Im Gegensatz zu Facebook-Kommentaren können die Kommentierenden ihre Beiträge nicht selbst löschen. Und im Gegensatz zu Diskussionsforen auch nicht einmal selbst editieren.
Meistens sind die Kommentare 1- bis 3-stufig, somit begrenzt und unübersichtlich. Neue Beiträge können irgendwo in der Mitte stehen oder jemand hat mittendrin einen neuen Baum aufgemacht – weiß mensch ja nicht vorher.
Kommentare verlaufen nur untereinander und ewiges scrollen schreckt Neulinge ab. Genauso ist es, wenn da mehr als 30 Kommentare stehen. Das liest später kein Mensch mehr nach (sofern die Kommentare über 3-Zeiler oder „Hey cool“ hinaus gehen).
Die bloginterne Suchfunktion sucht nur nach Blogeinträgen. Nicht nach Kommentaren. Wenn also irgendwo unter einem Blogeintrag ein anderes Thema angeschnitten und breit ausgeführt wird – ab einer gewissen Bloggröße geht das unter. Niemand merkt sich was wo mal stand/angeprochen wurde. Was dann wieder dazu führt, dass manche Themen zig mal neu aufgerollt werden. Es gibt Umwege wie Google über die man derartige Kommentare/Themen finden kann. Aber Menschen sind faul. Mir wäre das jedenfalls zuviel Aufwand. Wenn ich nämlich nicht weiß, wer was wann gesagt hat, dann müsste ich mich trotzdem durch unzählige Einträge und hunderte von Kommentaren wühlen, in der Hoffnung, dass da was dabei ist. Dafür ist mir meine Lebenszeit zu wertvoll.
Der/die BlogbetreiberIn hat zwar absolute Administrationsfreiheit. Er/Sie kann Kommentare zulassen oder sperren, kann sie löschen und theoretisch auch frei darin herumeditieren (letzteres übrigens ein No-Go!). Aber die Moderationsarbeit in Blogs ist um einiges größer und aufwändiger als in Foren. Gerade bei so kontroversen und persönlichen Themen wie Geschlecht und Feminismus. Machen wir es also uns und anderen BlogbetreiberInnen leichter. Die nun folgende Liste kann dabei helfen. Ich habe sie in anderen Diskussionkontexten erfolgreich erprobt und ein wenig auf den Blog-Kontext angepasst.

Anleitung zum glücklichen Diskutieren

Die kommende Auflistung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit und stellt auch kein MUSS-Kriterium dar. Sie ist Zeichen meiner Erwartungen und Wünsche, mein kleines Diskussions-Utopia:

1. Übersicht verschaffen

      Das ist so simpel, dass ich den Punkt selbst beinahe vergessen hätte.

 

      Wer irgendwo mitreden will, sollte wissen worum es geht. In Blogs heißt das, den jeweiligen Artikel zu lesen und mindestens die bisher geschriebenen Kommentare zu überfliegen. Vielleicht kannst du dich ja sofort irgendwo einklinken.

 

      Außerdem wichtig:

 

      Wenn du irgendwo neu einsteigst, mach dich mit den

Regeln

      ,

Begrifflichkeiten

    und der Netiquette des jeweiligen Blogs vertraut. Die können hin und wieder weiter auseinander gehen und je nach BlogbetreiberIn andere Schwerpunkte setzen.


2. Namen/Nicknamen verwenden

      Wenn sich zwei Menschen unterhalten, ist das nicht notwendig. Diskussionen im Internet sind aber nicht wirklich darauf ausgelegt, unter zwei Menschen zu bleiben. Und ab dem Zeitpunkt sollte Bestandteil JEDER Antwort sein, wen du ansprechen willst.

 

      Die Höflichkeit gebietet es an dieser Stelle übrigens, den

gesamten

      Nickname/Namen zu verwenden. In richtiger Schreibweise.

Ausnahme:

      Du kennst die angesprochene Person besser und sie hat nichts gegen Abkürzungen/“Kosenamen“.


3. Rechtschreibung/Grammatik
Eine korrekte Schreibweise erleichtert das Lesen und somit das Verständnis eines Diskussionsbeitrages. Simpel aber oft genug ignoriert. Hierzu zählt die richtige Schreibweise von Wörtern und die Verwendung entsprechender Satzzeichen.
So schwer kann es ja nicht sein, einen Beitrag vor dem Abschicken noch einmal durchzulesen. Wem das zu aufwändig und langweilig ist, der/die hat sowieso was falsch gemacht und sollte sich gar nicht erst beteiligen. Punkt.
Bitte beachten
EIN Satzzeichen reicht. Es nimmt niemand deine Aussage ernster, nur weil du fünf Ausrufezeichen hinter einen Satz machst.
Ausnahme:
Menschen die an einer sog. Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden, unterliegen einem gewissen Toleranzgebot. Die sind allerdings seltener als gedacht, viele verstecken sich auch hinter dem Begriff, weil sie einfach zu faul sind.


4. Pauschalisierungen vermeiden
Dieser Punkt trifft insbesondere auf Diskussionen zu Geschlechterthemen zu, zählt aber in meinen Augen zu den Grundlagen eines erfolgreichen, konstruktiven Gespräches. Vermeide Aussagen wie „DIE Frauen“ oder „DIE Männer“ oder „DER Feminismus“ oder „DER Maskuslismus“.
Wenn du ein Beispiel bringen willst, dann beziehe dich auf eine konkrete Gruppe wie „Führungskräfte im oberen Management der Firma xy / des Bankwesens“ oder besser – sprich von einer konkreten Erfahrung/Situation, die du selbst erlebt hast.


5. Sachlich bleiben
Sachlichkeit ist hier wortwörtlich gemeint. Bei der Sache bleiben. Vorrangig der, die im eröffnenden Post (bei Blogs quasi der Artikel/Blogpost/Blogeintrag) angesprochen wurde. Dazu gehört es, nicht tausend Nebenschauplätze zu eröffnen, sofern sie nicht für das Ausgangsthema relevant sind. Dazu gehört, den ganzen Quark wie „du bist aber doof“, „egal was du nimmst, nimm davon mehr oder weniger“ und andere persönliche Angriffe zu lassen. Auch und GERADE in Bezug auf Menschen, die etwas anders sehen als du.
Dazu gehört übrigens auch, nicht alles persönlich zu nehmen. Angriffe auf Argumente oder Ansichten sind keine Attacken auf die Person. Sondern oft eine Einforderung des nächsten Punktes.

6. Begründen
Wer ein Argument bringt, sollte es auch begründen. Es gibt online genug Material, auf das mensch sich berufen kann. Manche machen sich noch ein bisschen mehr Aufwand und durchforsten die Bücher, die sie zur Hand haben. Je qualitativer die Quelle, umso besser ist es für die Diskussion.
Eine Begründung ist aber nicht einfach nur ein Link. Im Idealfall sieht das dann so aus:
Argument – Erläuterung – Beispiel/Link

Manchmal reicht auch einfach ein Verweis auf etwas, das an anderer Stelle der Diskussion bereits ausgeführt wurde.

7. Nachfragen
Es gibt in Diskussion viele viele viele Momente, da ist man sich nicht sicher, was die andere Person meint. Anstatt irgendwas anzunehmen, empfiehlt sich für eine produktive Diskussion: NACHFRAGEN.
Das gilt auch und insbesondere für Situationen, in denen mensch die andere Person kennt oder kannte oder länger nicht mit ihr gesprochen hat. Denn Menschen verändern sich, verändern ihre Meinung und Ansichten, bilden sich und entdecken im Laufe der Zeit vielleicht neue Perspektiven/Begründungen für bereits präferierte Perspektiven.
Es gibt natürlich auch dumme oder unüberlegte Fragen. Diesen ist mit einem Verweis auf bereits ausgeführtes oder schlicht http://www.gidf.de beizukommen.

8. Ironie/Sarkasmus etc. kenntlich machen
Sprechen im Internet ist so eine Sache. Denn gesprochene Sprache besteht aus mehreren Ebenen.
Um das Kommunizieren etwas zu erleichtern, haben sich folgende Praxen etabliert:
Smileys – Emoticons – textliche Anzeiger wie *ironie on/off* (wahlweise auch mit // statt **)

Wenn du etwas nicht nur sachlich meinst (und das kommt öfter vor, als du vielleicht glauben magst), dann mach es dir und anderen leichter und nutze die Möglichkeiten.
Bitte beachten
Zu viele Smileys/Emoticons/textliche Anzeiger sind genauso kontraproduktiv, wie zu wenige. (S. Punkt 2)

9. Die „Anderen“
… diskutieren nicht richtig, schweifen ab, beleidigen etc.pp.
Wäre die Welt perfekt, ich würde diesen Blogeintrag nicht schreiben.😉
Fehlverhalten „anderer“ war aber noch nie eine Entschuldigung für irgendwas. Wenn du es besser machen willst und kannst, dann tu es. Eine/r muss ja anfangen.


Es kann nicht immer jede/r an alles denken oder alle Punkte berücksichtigen. Und für alles gibt’s auch Ausnahmen. Wichtig finde ich, es zu versuchen. Immer wieder. Gerne auch öfter.

6 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Khaos.Kind
    Feb 22, 2011 @ 21:51:40

    Ach wie lustig.
    Heut über WordPress gefunden, eine Kommentar-Etikette.

    Antworten

  2. Christian - Alles Evolution
    Feb 23, 2011 @ 09:58:07

    Schöne Liste. Insbesondere Punkt 6 finde ich gelungen.

    Antworten

  3. Trackback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Weibliche Nerds und ritterlicher Widerstand – die Blogschau
  4. Ninia
    Feb 26, 2011 @ 16:16:00

    Diese Liste sollten sich viele hinter die Ohren schreiben!

    Antworten

  5. Angelika
    Feb 26, 2011 @ 22:14:47

    klasse ! gute punkte und genau von dir gut be-/geschrieben.
    chapeau😉

    // all-together-now : bitte bookmarken und regelmässig z.b. an jedem 8. märz wieder lesen und verinnerlichen //
    und meine bitte an feministische/bloggerinnen wäre : bitte moderieren.
    leudelz ohne führerschein dürfen auch nicht fahren – analogie zum kommentieren im webz ?!

    p.s. bin zu dir über „meinaugenschmaus“ von Julia gekommen.

    Antworten

Du hast ein Hirn, du hast eine Stimme, du hast eine Meinung. Also habe niemals Angst, deinen Standpunkt klar zu machen. Trotzdem bitte ich darum, dass du dich vor deinem Kommentar mit den hier geltenden Regeln (unter "Grundsätzliches") vertraut machst. Zum Kommentieren ist mindestens eine gültige E-Mail-Adresse erforderlich.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: