Beruf: Geschlecht

Zwei Fragen begleitet mich seit Beginn des Bachelorstudiums: Und was bist du dann? Was kannst du damit machen?

Zumeist folgt darauf ein kurzes Schweigen. Ich überlege.

„Früher“ war ein/e TischlerIn eben TischlerIn und ein/e FriseurIn eben FriseurIn. Doch die Berufswelt hat sich in den letzten Jahrzehnten immer mehr ausdifferenziert und pluralisiert. Ein Lernweg eröffnet viele berufliche Möglichkeiten. Manche vorgegeben, manche selbst geschaffen.
Diese Uneindeutigkeit bedarf scheinbar einer Rechtfertigung. Zumindest einer Erklärung.

Nur, wie erklären?
Im ersten Semester des Bachelorstudiums durften wir diesen tollen Satz auswendig lernen:
Soziale Arbeit erforscht Soziale Probleme, trägt zu ihrer Prävention und Lösung bei.
Klang kurz und nett. Blöderweise war hinterher niemanden schlauer als vorher. Der tolle kurze Satz machte eine Ausführung des Begriffs „Soziales Problem“ notwendig, was das ist, was eins ausmacht etc. (= der Inhalt der anderen sechs Semester Studium). Und letztendlich lief es dann doch darauf hinaus einfach zu sagen, in welchen Bereichen ich später arbeiten könnte. Meist erhellte sich daraufhin das Gesicht meines Gegenübers und es sprach „Ach, du wirst so was wie Schulsozialpädagogin/Die Supernanny?“ Ja. Nee. Jein…

In den Gender Studies ist das leider nicht einfacher. Nicht mal einen simplen Satz darf ich auswendig lernen. Irgendwann im Laufe des Studiums wird sich schon herausstellen, was genau ich da eigentlich studiere und was ich später damit anfangen kann. Oder wie ich mich nenne. Seit letztem Sommer bin ich „Staatlich anerkannte Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin“. Voraussichtlich im Sommer 2012 bin ich dann… „Gender Studierte“? Das klingt ja furchtbar!
Mhm… Bin ich „Expertin für Geschechterfragen“? Trifft es auch nicht ganz.
Soll ich mich „Fachfrau für die sozialwissenschaftliche Analyse gesellschaftlicher Phänomene in Bezug zur Wirkung der Denkkategorie Geschlecht“ nennen? Das entspräche so in etwa dem, was ich mir an Fähig- und Fertigkeiten anzueignen gedenke. Aber das passt doch auf keine Visitenkarte!

Ich habe eine Idee!
Ich kürze das Ganze einfach zusammen auf: Berufsfeministin
Ja, das gefällt mir. Kurz, prägnant, provokativ, politisch.
Sagt nicht wirklich was aus aber muss es auch nicht. Die, die nur meckern wollen, tun das sowieso und der Rest fragt weiter. Dann kann ich in den „Erklärungsmodus“ umschwenken.

Die Crux an der Sache ist ja, dass Gender Studies ein vergleichsweise neues Studium ist und der Begriff auch noch aus dem Englischen übernommen wurde. „Früher“ hieß das im deutschsprachigen Raum einfach Frauenforschung und fertig. Dann entwickelte sich aus der Frauenforschung eine Geschlechterforschung, daraus eine Geschlechterverhältnisforschung, irgendwo stieß auch die kritische Männerforschung dazu und nun haben wir den Salat!

Überlegen wir mal besser weiter.
Ich will Berufsfeministin werden. Heißt das jetzt, dass Gender Studies eine feministische Wissenschaft ist? Wird ihr ja oft vorgeworfen und dann gleich was von Ideologieverblendung geschwafelt, der wissenschaftliche Wert abgesprochen usw. bla bla.
Ich wage zu bezweifeln, das Gender Studies per se als feministisch betitelt werden kann. Natürlich ist die Entwicklung dieses Studiums eng mit den Institutionalisierungsbestrebungen der „2. Frauenbewegung“ verwoben. Doch ist dies keine lineare Weiterentwicklung „des Feminismus“. Feminismus ist in meinen Augen Selbstbezeichnung und daher so vielfältig wie die Menschen, die sich zu dieser Gruppe zählen. Da gibt es autonome, marxistische, katholische, muslimische, bürgerliche, anarchistische, Alphamädchen, Alice Schwarzer uvm. Und das alles nebeneinander!
Bildungstechnisch gesehen, bieten viele verschiedene Institutionen (wissenschaftliche) Weiterbildung unter feministischen Gesichtspunkten an. Mein Universitätsstudium ist nur ein Teil eines feministischen Bildungsbuffets. Angehende WissenschafterInnen müssen nicht Gender Studies studieren, um einen „feministischen Blick“ in ihre Forschung einzubringen. Die meisten existierenden Studiengänge haben mittlerweile einzelne Kurse oder Seminare zu Gender-Aspekten integriert. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen, dass sich sogar in meinem Semester nur etwa 1/3 der Studierenden als feministisch versteht. Das mag überproportional zu anderen Studiengängen sein, macht aber keine feministische Wissenschaft. Der „feministische Blick“ auf eine Wissenschaft hängt nicht unbedingt von den Gender Studies ab. Vielmehr würde ich sagen, dass es die WissenschafterInnen sind, die sich feministisch orientieren und ihren „feministischen Blick“ in die Forschung mit einbringen. Demnach gibt es zwar feministische WissenschafterInnen, jedoch keine feministische Wissenschaft!
(natürlich gibt es methodologische Ansätze, eine Art „feministische Wissenschaft“ zu entwickeln, die stecken aber scheinbar noch in den Kinderschuhen – jedenfalls sind sie nicht Praxisstandard soweit mir bekannt)

So gesehen passt meine künftige Berufsbezeichnung. Ich habe das Wissen, die entsprechenden wissenschaftlichen Fähig-/Fertigkeiten bzw. Kompetenzen und bin Feministin.

Bleibt immer noch offen, was genau ich dann später mache. Oder wo ich arbeiten kann.
Der erste Gedanke wäre wohl, dass ich irgendwo Gleichstellungsbeauftragte werde. Aber um ehrlich zu sein, fällt mir kein/e einzige/r Gleichstellungsbeauftragte/r ein, der oder die einen Abschluss in Gender Studies hat. Die nächste Überlegung wären Projekte zum Geschlechterverhältnis, Gleichberechtigung oder Forschung. Interessant aber wie oben erwähnt, brauche ich dafür auch nicht unbedingt einen Abschluss in den Gender Studies.
In der Mehrheit der Fälle ist es scheinbar so, dass sich Studierende der Gender Studies häufig damit konfrontiert sehen, nach dem Abschluss auf ihre „Stammdisziplin“ zurückgeworfen zu sein. In meinen Augen ist das ein Problem!
Der Studiengang Gender Studies ist bisher zumeist als aufbauendes Studium organisiert. Die Studierenden haben demnach eine wissenschaftliche Sozialisation hinter sich, in einem gewissen Fachgebiet mit entsprechender Theorie und Methodologie. Diese Vielfalt in einen interdisziplinären Zusammenhang zu setzen, birgt viele Vorteile und gegenseitige Inspiration – wirft auf der anderen Seite jedoch eine Grundproblematik auf. Gender Studies sind mehr als nur ein spezifischer Blick auf die „eigene“ Fachdisziplin der Studierenden.
Ich habe ehrlich gesagt keine Lust, mein Masterstudium als eine Art Weiterbildung zu sehen und hinterher wieder „gendersensible Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin“ zu sein. Strukturell in der Bildungshierarchie aufsteigen und dann doch wieder machen, was ich eh schon kann. Sorry aber dafür studiere ich nicht mindestens zwei Jahre. Das geht ja mal gar nicht!

Ich befürchte, die Frage, was ich später mit meinem Abschluss anfangen werde, wird wohl vorerst offen bleiben müssen. Grundsätzlich geht meine Antwort in Richtung „Ich kann alles“. Was sollte ich auch nicht machen können? „Geschlecht“ ist ja in so ziemlich allen Bereichen relevant, ne?

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10 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Lucia
    Mrz 02, 2011 @ 21:55:06

    Berufsfeministin hört sich cool an. 🙂

    Antwort

  2. Stephanie
    Mrz 03, 2011 @ 11:21:12

    Ach ja, als Philosophie-Studentin auf Taxischein (Magistra) und Feministine kenne ich diese Gedankengänge doch ganz gut – daher habe ich mich 2009 selbstständig gemacht und arbeite somit an meinem feministischen Wirtschaftsimperium.
    Meld‘ Dich doch, wenn Du Deinen Master in der Tasche hast – bis dahin sollte ich ein großes Stück weiter sein und viele tolle Stellen für Feminist_innen erschaffen haben.

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Mrz 03, 2011 @ 12:04:17

      @Stephanie
      Bekomm ich die Leitung der österreichischen Zweigstelle? *g*
      Mal schauen, bisher ist noch der Doktorinnen-Titel in Planung. Das überlege ich mir dann während der Masterarbeit nochmal genauer 😉

      Antwort

  3. Gwen
    Mrz 06, 2011 @ 11:37:52

    „Aber um ehrlich zu sein, fällt mir kein/e einzige/r Gleichstellungsbeauftragte/r ein, der oder die einen Abschluss in Gender Studies hat.“
    Ist das in Deutschland nicht aber auch ein sehr junger Studiengang? Dann braucht das Zeit.
    Wobei ich glaub ich weniger überzeugt bin von der Berufsfeministin… wahrscheinlich, da mir der allgemein Genderbezogene Aspekt gefiehl, ohne die Fixierung auf eine der beiden Seiten. But thats your cup of tea 🙂

    Antwort

  4. Christian - Alles Evolution
    Mrz 07, 2011 @ 11:16:07

    „Demnach gibt es zwar feministische WissenschafterInnen, jedoch keine feministische Wissenschaft!“

    Warum soll es das nicht geben? Nach der gleichen Logik gäbe es ja dann auch keine katholische Theologie?
    In den Genderwissenschaften gibt es glaube ich wenig, was nicht dem Leitgedanken des Feminismus entspricht. Kritische Stimmen haben es dort sehr schwer. Insofern kann man schon von einem ideologischen Studiengang sprechen.

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Mrz 07, 2011 @ 13:58:12

      @Christian
      Warum sollte es dann keine katholische Theologie geben?
      Es gibt genauso Katholiken, die die Bibel nur von außen kennen oder in anderen Wissenschaften arbeiten (mir bekannt: Soziologie, Philosophie, Pädagogik, Ökonomie uvm.) wie Theologiestudierende, die nicht katholisch sind (ich hab selbst ein Semester Sozialtheologie studiert und bin alles andere als katholisch).

      In den Genderwissenschaften gibt es glaube ich wenig, was nicht dem Leitgedanken des Feminismus entspricht.

      Witz komm raus, du bist umzingelt.
      DEN Feminismus gibts immernoch nicht. Bitte konkretisieren.

      Kritische Stimmen haben es dort sehr schwer. Insofern kann man schon von einem ideologischen Studiengang sprechen.

      Wenn du berücksichtigst, dass JEDE Wissenschaft gewisse Paradigmen und Prämissen für sich beansprucht, dann ist deiner Aussage nach jedes Studium ein ideologisches. Du wirst an Wirtschaftsuniversitäten nicht viel über sozialliberale oder sozialistische Ansätze hören. Du wirst an einem medizinischen Institut (abgesehen von spezialisierten Privathochschulen) wenig zu Anthroposophie oder über TCM hören.
      Kritische Stimmen haben es nie leicht. Das macht noch lang keine Ideologie.

      Antwort

      • Christian - Alles Evolution
        Mrz 07, 2011 @ 14:54:36

        @Khaso.Kind

        „Warum sollte es dann keine katholische Theologie geben?“

        Weil die katholische Kirche eine offizielle Lehre zulässt und abweichende Lehren nicht.
        Es gibt hier so gesehen eine katholische Wissenschaft. Wenn sich ein Katholischer Theologe hinstellt und zB die Unfehlbarkeit des Papstes anzweifelt oder die unbefleckte Empfängnis oder gleich Gott, dann weicht er vom Kanon ab und wird nicht geduldet.

        Ebenso sind in den Genderwissenschaften nur Meinungen geduldet, die sich in einer feminstischen Schrift wiederfinden, nach Möglichkeit einem genderfeministischen Ansatz.

        Zu deiner Theorie, dass der Vertretung biolog(ist)ischer Theorien innerhalb der Genderwissenschaften nur der Umstand entgegensteht, dass sie dafür keine Forschungsgelder bewilligt bekommen, habe ich ja bereits etwas auf meinem Blog gesagt.

      • Khaos.Kind
        Mrz 07, 2011 @ 15:27:20

        @Christian

        Weil die katholische Kirche eine offizielle Lehre zulässt und abweichende Lehren nicht.

        Und wie erklärst du die das 2. vatikanische Konzil und dessen „Neuerungen“? Oder dass der aktuelle Papst in begrenzten Fällen jetzt auf einmal doch Verhütung zulässt.

        Die Theologie baut auf verschiedene Quellen. Eine große ist die Bibel, dann kommen die ganzen Konzilienbriefe, die ganze Klosterliteratur und etliche von Päpsten oder anderen Würdenträgern veröffentlichte Werke dazu. Und ne Menge Kleinkram.
        Die Basis aller „Erkenntnisse“ ist die gleiche. Doch verändert sich die Auslegung und das macht die Theologie in einem gewissen Sinne offen und flexibel.
        Gewisse Paradigmen liegen JEDER Wissenschaft zugrunde. Du zweifelst auch nicht Darwin an, oder? Und kritisierst jede/n, der oder die was anderes erzählt.
        Wo ist da der Unterschied?

        Zu deiner Theorie, dass der Vertretung biolog(ist)ischer Theorien innerhalb der Genderwissenschaften nur der Umstand entgegensteht, dass sie dafür keine Forschungsgelder bewilligt bekommen,

        Immer wieder schön, wie du meine Aussagen verkürzt.
        Ich hab nie und nirgendwo behauptet, dass es NUR an den fehlenden Forschungsgeldern liegt. Da spielt noch viel mehr mit rein. Wissenschaftsstrukturen, Interessen, Stammdisziplinen, Schwerpunkte etc.pp.
        Biologische Grundlagen zu erforschen und zu berücksichtigen finde ich wichtig. Sich nur darauf zu versteifen ist wissenschaftliche Idiotie. Und das war mein letztes Wort dazu!

  5. Trackback: Fundstücke Nr. 10 « Afrika Wissen Schaft

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