Wohin gehst du?

Ein paar erste Gedanken zur Demonstration.

Ein „Tschüss“, ein „Bis bald“ und die Wege trennen sich.
Gesichter, eben noch strahlend, eine Idee, einen Kampf teilend, machen sich auf dem Weg nach… ja wohin?
Zielstrebig, die Hände in die Taschen meiner roten Jacke versunken, steige ich die Treppen zur U-Bahn-Station hinab. Der Schal in Strickoptik spielt ein wenig mit dem warmen Luftstrom, der mir entgegenweht.
Ich frage mich, wohin die Menschen gehen, die ich nicht kenne und mit denen ich doch ein paar Stunden verbracht habe.

Wohin geht das kleine Mädchen mit dem „Mädchen können alles“-Plakat in ihrer kleinen, von der Kälte rot angelaufenen Hand? Kommt es in ein behütetes Heim, die Mutter oder den Vater an der Hand und erzählt ununterbrochen von den vielen Menschen und Eindrücken, die es auf der Demonstration sah? Bekommt es ein gutes Abendessen oder legt die kleine Familie eine Pause bei McDonalds ein? Ist sein Heim groß genug zum spielen und lernen oder muss es sich das Zimmer mit kleinen Geschwisterchen teilen, vollgestopft mit Puppen, Autos und Kuscheltieren? Weiß es, dass in einem anderen Zuhause ein Kind hungrig ins Bett geht?

Wohin geht die Frau, die fleißig KPÖ-Fahnen schwenkte? Lebt sie allein? Muss sie am Abend noch schnell die Demo-Klamotten gegen Kittel tauschen um mitten in der Nacht die Toiletten „reicher Bonzen“ oder verlassene Schulkorridore zu putzen? Wie kam sie zu ihrer politischen Meinung? Teilt ihr Partner/ihre Partnerin diese Meinung oder ist sie Quell ständiger Diskussionen in der Beziehung? Oder wartet nur ihr Aquarium auf sie in ihrer dunklen, kleinen Wohnung? Fühlt sie sich nach diesem Tag mit den Rednerinnen auf der Bühne verbunden, die doch ein so ganz anderes Leben führen?

Wohin geht das Pärchen, dessen männliche Hälfte sich ein Frauenzeichen mitten ins Gesicht zeichnete? Öffnet es die Haustür und sie beginnt, das Abendessen vorzubereiten, während er schnell auf Twitter checkt, wie die Medien über die Demonstration berichteten? Oder schaut er schnell noch nach der Wäsche, während sie sich vom vielen stehen, laufen und rufen erschöpft aufs Sofa wirft? Gehen sie mit Freunden noch was trinken? Und waren diese FreundInnen mit auf der Demo? Wissen sie um die vielen verschlungenen Hürden, die Normen und Gesetzgebung einer gleichberechtigten Partnerschaft in den Weg legen?

Wohin geht die ältere Frau, die lächelnd vor der Tribüne stand als die aktuelle Frauenministerin sprach? Hat sie bereits viele Frauentage und –kämpfe miterlebt oder ist sie erst spät zur Bewegung gestoßen? Kam sie vielleicht nur zufällig vorbei, als die vielen bunten lauten Menschen die Straße entlang zogen und wollte wissen, worum es eigentlich geht? Wartet jemand auf sie, sobald sie die Wohnungstür aufschließt? Muss sie auch knausern mit ihrem kargen Renteneinkommen und spart sich die Geburtstagsgeschenke der Enkel vom Munde ab? Setzt sie sich gemütlich vors Radio? Läuft sie in Ruhe den Demonstrationsweg zurück und sieht sich die bestrickten Figuren am Rande noch einmal an? Oder nimmt sie gleich die nächste Bahn, weil ihre Beine ihr zu schaffen machen?

Wohin gehen die Menschen, die ein paar Stunden ihrer Zeit mit mir auf der Straße verbrachten? Woher kommen sie? Fassten sie Mut auf ein neues „Wir“ der Frauen? Waren sie enttäuscht, dass es keine 20 000 Menschen wurden? Waren ihre FreundInnen auch dort oder wurden sie von ihnen schief angesehen, als sie von den Plänen erzählten?

Noch in Gedanken versunken steige ich wenig später an meiner Haltestelle aus. Auf mich wartet eine warme wunderschöne Wohnung. Meine bessere Hälfte ist schon daheim, denn er muss bald zur Arbeit. Demonstrieren waren wir beide und haben viel gelacht über unsere grünen Luftballons, die der Wind aneinander miteinander kämpfen ließ. Er wird das Essen schon warm gemacht haben. Hoffentlich ist noch was übrig.

Ich weiß, ich habe es gut. Darum war ich auf der Straße. Die Möglichkeit, ein Leben zu leben, dass glücklich macht, verdienen alle!

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3 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Lucia
    Mrz 20, 2011 @ 09:34:08

    Tja, wer verändern will muss handeln.
    Aber leider essen NUR die meisten die Früchte der Bäume die andere gepflanzt haben.

    Antwort

  2. Christian - Alles Evolution
    Mrz 21, 2011 @ 15:10:54

    Wie viele Menschen waren denn nun eigentlich da?

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Mrz 21, 2011 @ 15:59:20

      @Christian
      Schwer zu sagen, gezählt hab ich sie nicht. 😉
      Die Polizei meldete was zwischen 4000 und 5000, die OrganisatorInnen 10-15 000. Ich orientiere mich da meist irgendwo in der Mitte und würde etwa die 7000 anpeilen.

      Mehr dazu im Blogeintrag, der voraussichtlich morgen kommen wird.

      Antwort

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