F³: Thelma and Louise

Was für ein schönes Anfangsdatum für den feministischen Film-Freitag. Freitag, der 13.
Ich bin ja sonst nicht abergläubig, aber das sehe ich als gutes Omen!

„Thelma & Louise“ wurde mir schon ans Herz gelegt, da war ich weit entfernt davon, mich mit Feminismus zu beschäftigen und auch meine Liebe zu Filmen schlummerte noch irgendwo vor sich hin. Was macht den Film nun so ähm… feministisch-kultig?

Louise: [in the parking lot outside the bar where Harlan is attempting to rape Thelma] Get away from her you fuckin‘ asshole or I’m gonna splatter your ugly face all over this nice car.
Harlan: [Getting off of Thelma] Easy, we’re just having a little fun.
Louise: Sounds like you got a real fucked up idea of fun. Turn around. In the future, when a woman’s crying like that, she isn’t having any fun!
Harlan: Bitch! I shoulda gone ahead and fucked her!
Louise: What did you say?
Harlan: I said suck my cock.
Louise: [Louise shoots him]
Louise: You watch your mouth!

…und der Road Trip nimmt seinen Lauf.

Die beiden Charaktere Thelma & Louise decken so ziemlich alle Einschränkungsebenen ab, die junge, weiße Frauen in den USA treffen können. Die eine wird von ihrem aufbrausenden Ehemann wie wie ein Gegenstand behandelt. Die andere scheinbar selbstbestimmt, trägt schwer an den Gesetzen und sozialen Verfügungsgewalten.

Gerade am Anfang muss Thelma sich von Louise oft „Is he your husband or your father?“ anhören. Weil sie ihren Mann Darryl um alles fragen muss. Weil sie außer ihrem Ehemann nie einen anderen Partner hatte. Was es so besonders macht, als sie mit J.D. das erste Mal erfährt, wie gut Sex sein kann. Was es so besonders macht, dass sie die Frage nach ihrer Kinderlosigkeit mit den Wünschen ihres Mannes beantwortet und nicht mit ihren eigenen.
Oft hab ich mich gefragt, ob Thelma überhaupt etwas selbst kann. Wenn nicht ihr Ehemann ihr sagt, was sie tun und lassen soll, dann macht es Louise. Oder ein anderer Mann, der ihr irgendwo unterwegs begegnet. Sie ist so offen, so naiv. So eingegrenzt in ihrer Art zu leben und zu denken. Erst nach und nach beginnt sie zu wachsen, dafür umso deutlicher. Wenn sie gebraucht wird, ist sie da, hat sie eine Meinung, kann sie selbst eine Entscheidung treffen. Statt sich auf Louise zu verlassen, wird sie selbst aktiv, besorgt Geld und hilft Louise auch mal aus der Patsche. Der entscheidende Moment, der Thelmas Entwicklung zu ihrem “wahrem Selbst” anzeigt, wird von ihr in folgende Worte gefasst:

Thelma: You awake?
Louise: Guess you could call it that, my eyes are open.
Thelma: I’m awake too. I feel awake.
Louise: Good.
Thelma: I feel really awake. I don’t recall ever feeling this awake. You know? Everything looks different now. You feel like that? You feel like you got something to live for now?

Und übrigens, auch die letzte Entscheidung wird von Thelma angestoßen. Was haben sie schon zu verlieren?

Louise war mir von Anbeginn an sympathischer (und das liegt nicht nur daran, dass sie von Susan Sarandon gespielt wird). Sie entspricht mehr dem Typ Frau, die arbeitet, zu Fremden schroff wirkt aber eigentlich nur vorsichtig ist. Die Beziehung zwischen Jimmy und Louise fand ich sehr faszinierend, hat sie doch nahezu gleichberechtigte Ausmaße. Wobei ich glaube, das liegt hauptsächlich daran, dass Louise ihn nicht wirklich emotional an sich ran lässt. Er lässt ihr die Freiheit, die sie braucht und wären die Umstände nicht, ich glaube die beiden könnten auch miteinander glücklich werden. Ich mag das Rücksichtsvolle von Jimmy, das ihn wie einen Fels in der Brandung erscheinen lässt. Die Wandlung von Louise ist nicht so offensichtlich wie Thelmas. Das mag mit daran liegen, dass sie zwar oberflächlich gesehen ein besseres Leben führt, ohne Verpflichtungen, mit einem Mann, der sie liebt, einem Job, eigenem Geld und einigem an Selbstvertrauen aber nach und nach wird klar, dass sie ihre distanzierte Haltung einem traumatischen Erlebnis zu verdanken hat und ihre Äußerungen während des Trips lassen darauf schließen, dass Louise mehr unter indirekter, struktureller Benachteiligungen litt. „Wer glaubt dir, dass es Notwehr war? Alle haben gesehen, wie du den ganzen Abend lang Wange an Wange mit ihm getanzt hast!“. Wahrscheinlich hat sie selbst erlebt, was Thelma zum Glück erspart blieb und was danach geschah, hat Louises Vertrauen in die Justiz erschüttert. Umso interessanter, ihre Vorstellung von moralischem Verhalten über den Film hinweg zu beobachten.

Thelma: God, the law is some tricky shit isn’t it? Hey, how do you know about all this?
Louise: Besides, what’re we going to say about the robbery? There’s no such thing as justifiable robbery.
Thelma: Alright Louise…
[sees a white cowboy hat in the backseat]
Thelma: where’d you get this?
Louise: Stole it.

Ich habe mich oft gefragt, in welcher Zeit der Film spielt. Gedreht wurde er Anfang der 90er aber das kann doch nicht sein, dass Thelmas Hausfrauendasein (bis zu diesem Ausflug verkörpert sie das Ideal der 50er) noch so stark wirkt. Es ist nicht so, dass ein kurzer Rock einen sexuellen Übergriff rechtfertigt aber die Verantwortung der sexuellen Handlungen liegt im Film scheinbar bei den Frauen. Die müssen es nur signalisieren. Blöd, wenn das heißen soll „Lächel’ ihm einmal zu und er darf mit dir machen, was er will“. Die dargestellten Männer sind nicht unbedingt dafür bekannt, ausgesendete Signale auch richtig zu deuten (s. Eingangszitat).

Im Großen und Ganzen wirkt der Film wie ein Schlag ins Gesicht aller „Früher wurden Frauen unterdrückt und heute sind alle frei und gleich“-ProklamiererInnen. Zuviel, das heute ganz genauso ist.
Ich finde, Callie Khouri und Ridley Scott ist es wunderbar gelungen, zu zeigen, dass hinter jeder Straftat eine Geschichte steht. TäterInnen sind nie nur das, die Tat bricht nicht aus einer sonst heilen Welt einfach aus. Thelma & Louise sind auch Opfer. Opfer direkter Einschränkungen und Opfer struktureller Umstände. Aber so unterschiedlich die beiden Frauen auch sind und so unterschiedlich sie unter einschränkenden Verhaltensweisen anderer und Strukturen auch leiden mussten, sind nicht passiv. Sie entsprechen nicht einfach der Bild, erdulden nicht einfach sondern schaffen sich einen Freiraum, sie schaffen sich Handlungsmöglichkeiten. Sie schaffen es, unter all dem, was sie eingrenzt, glückliche Momente zu erleben.

Louise Sawyer: You’ve always been crazy, this is just the first chance you’ve had to express yourself.

Fazit:
Anschauen! Der Kult um Thelma & Louise ist durchaus berechtigt.

Advertisements

7 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Maren
    Mai 16, 2011 @ 12:55:26

    Großartiger Film. Hab den das erste Mal in einem sehr beeindruckbaren Alter gesehen (12 oder so).

    Fürs Leben gezeichnet 😀

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Mai 21, 2011 @ 09:08:07

      @Maren
      Jetzt würde mich schon interessieren, was genau für dich so bezeichnend war. Waren es wie Brigitte angemerkt hat die ungewöhnlichen Frauenrollen oder ein paar der Sprüche oder was ganz anderes?

      Antwort

  2. brigittethe
    Mai 18, 2011 @ 23:55:33

    Ich liebe diesen Film. Das Schräge ist ja vor allem die Rezeptionsgeschichte. Auf der DVD habe ich mal eine Bonus-Doku über den Film gesehen. Irgendwie gab es damals wohl eine Riesen-Aufregung, dass Frauen solche Rollen in einem Film bekommen und mit einer Waffe usw. gezeigt werden. Auf der anderen Seite gab es die Hoffnung, dass mit dem Film eine neue Ära der (Film)Heldinnen anbricht und in der Doku sagt Susan Sarandon dann so 10 Jahre später : Das ist nicht passiert, wo sind diese Filme? Und das finde ich wirklich traurig. Mensch muss sich ja bis heute wirklich über jeden Film freuen, in dem eine Frau mal eine interessante Rolle hat.

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Mai 21, 2011 @ 09:11:41

      @Gitti
      Ja, Road-Movies waren und sind ja eher Männergeschichten. Ich wusste auch nicht, was für ein Film es war, bis ich ihn wirklich gesehen habe. Und dann wird es imho um so deutlicher, dass es auch 2011 noch etwas besonderes ist!
      Ich suche auch noch nach der Ära mit neuen Heldinnen. Würd sich ja fast lohnen, selbst zu drehen bzw. zu schreiben 😉

      Antwort

  3. Maren
    Mai 23, 2011 @ 06:43:28

    @Khaos.kind
    Ich fand die Frauen einfach großartig, vor allem die Wandlung von Thelma.

    Und ein Spruch ist besonders hängen geblieben:
    „Wenn eine Frau schreit und weint, dann hat sie keinen Spaß“

    Ganz groß ist natürlich die Szene mit dem Trucker 🙂

    Antwort

  4. Maren
    Mai 23, 2011 @ 06:44:45

    PS

    Einen ähnlichen Effekt hatte bei mir übrigens Prinzessin Leia, aber das war noch früher. So mit 5 oder so.

    Antwort

  5. Luna
    Sep 11, 2011 @ 14:18:55

    „Thelma and Louise“ ! Einfach genial!!

    Dieser Film war übrigens wirklich das erste Roadmovie mit Frauen! Also ein Tabubruchfilm durch und durch– find ich auch nötig (grad weil mir „Easy Riders“ so ankotzt).
    Top Film!

    Antwort

Du hast ein Hirn, du hast eine Stimme, du hast eine Meinung. Also habe niemals Angst, deinen Standpunkt klar zu machen. Trotzdem bitte ich darum, dass du dich vor deinem Kommentar mit den hier geltenden Regeln (unter "Grundsätzliches") vertraut machst. Zum Kommentieren ist mindestens eine gültige E-Mail-Adresse erforderlich.

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: