Ausgelesen: Muttergefühle. Gesamtausgabe (von Rike Drust)

Heiß ersehnt und endlich erstanden – das Buch von Rike Drust (die auch den wunderbaren Blog „inFemme unterstellt“ schreibt) lag in meinen Händen und wurde ein Wochenende lang nicht gelesen, sondern gleich geatmet. Kaum eine freie Sekunde, in der ich nicht das Buch in den Händen hielt.


Dabei ist es ein für mich untypisches Buch. Es ist kein Ratgeber und will auch gar keiner sein. Es ist eine thematische Aneinanderreihung von Momentaufnahmen, liebevoll ehrlich, reflektiert und auch mal sehr direkt. Ich dagegen bin die, die ihre Pubertät durch einen Haufen Ratgeberbücher und die Bravo schon vor den eigentlichen Geschehnissen „verstanden“ hat. Ich war vorbereitet und der Griff zu irgendwelchen Büchern voller Tipps und Tricks ist auch heute noch einer der ersten, wenn ich Sorgen und Probleme habe.
Viele der Online-Rezensionen zu den Muttergefühlen beruhen auf eigenen Erfahrungen, sofern ich es mitbekommen habe. Viele kommen von BloggerInnen, die selbst Eltern sind, mit jüngeren und älteren Kindern, mit einem, mit mehreren. Und ja, der Titel kann etwas irritieren, denn wie weit zwei Jahre Erfahrung mit dem ersten Kind die Gesamtbreite von Muttergefühlen erfassen können, steht eher fragend im Raum. Zumindest bis der Leser/die Leserin die Einleitung ausgelesen hat – denn genau dort spricht Drust diese Problematik an. Spricht an, dass sie kein Ratgeberbuch schreiben will und dass sie nur sehr subjektiv von diesen ihren Gefühlen berichten kann. Und wird. Davon, dass sie sich des Jammerns auf hohem Niveau durchaus bewusst ist. Und dass sie von Mütterbashing nichts hält, unabhängig von der Kinderzahl, von den Erziehungsmethoden (Gewalt gegen Kinder ist nicht tolerierbar und das wird nicht diskutiert!), unabhängig von diversen Einstellungen, ob konservativ oder liberal, ob öko oder Cola-AnhängerInnen.

Ich habe keine Kinder. Noch nicht. Auch nicht in Arbeit. Aber ich wünsche sie mir und ich bin wie bereits angesprochen gerne vorbereitet.
Also las ich Drusts Buch und habe mir dann doch ein paar Sachen für mich rausgezogen. Ich genoss ihren spritzigen und hin und wieder leicht bissigen Ton, der nicht davor zurück schreckt auch mal negative Gefühle gegenüber dem Kind und dem Partner oder sich selbst zu äußern. Auch an positiven Glitzer-Regenbogen-Bildern spart sie nicht und gibt so meines Erachtens einen kleinen Einblick in die mögliche Bandbreite dessen, was viele sich ohne Kinder nur schlecht denken können. Diese extremen Gefühle, die dich himmelhoch jauchzen und zu Tode betrüben können, die Erkenntnis auf einmal Bezugspunkt eines ohne dich hilflosen Wesens zu sein. Die Erfahrung zu teilen, auf absehbare Zeit keine Privatperson mehr zu sein, sondern im öffentlichen Interesse zu stehen. Als Schwangere, als Frau, als Mutter, als Feministin.
Was mich noch mehr als die erheiterten Stunden inspirierte, waren die Aufzählungen am Ende jedes Abschnittes. Immer wieder mal ein kurzes „das hat mir geholfen“, „das nehme ich mir vor“, „das wollte ich BesserwisserInnen schon immer mal ins Gesicht sagen“. Ich finde es einfach eine super Idee. Aufschreiben, was hilft. Was nicht. Sammeln und sich selbst in Erinnerung rufen wie das so war. Das macht das Buch authentisch und vielleicht auch mal meine eigene Erziehung. Dass das Buch authentisch ist, merkte ich spätestens bei einem Blogeintrag, in der die Bloggerin sich eben genau über den Titel ausließ und Drust wirklich deeskalierend reagierte. Das macht Mut, dass es keinen Mütterk(r)ampf geben muss. Den ich vor diesem Buch auch nicht so schlimm eingeschätzt hätte aber auch jetzt von ein paar noch-schwangeren Freundinnen oder jungen Müttern höre, dass dies ein nicht zu unterschätzender Faktor ist. Der sie ängstigt oder geängstigt hat.

Was ich mir ein bisschen mehr erwartet hätte, wären ein paar Aspekte, die über die subjektive Ebene der Kernfamilienbindung hinausgehen. Wie veränderten sich Bindungen zur weiteren Familie, zu ehem. FreundInnen, wie entwickelten sich neue Bekannt- und Freundschaften? Wie änderten und entwickelten sich Ansichten über gesellschaftliche/politische Themen – sofern sie es taten. Wie reagierte ihr feministisches Umfeld auf ihre Schwangerschaft? All dies wird an ein paar Stellen kurz angerissen aber in meinen Augen nicht wirklich ausgeführt. Weil es natürlich in seinem Konzept ein sehr subjektives Buch ist, dass v.a. die Gefühle und Erlebnisse während der ersten zwei Jahre mit Kind erfassen soll und erfasst. Das tut es auch wunderbar. Mir reicht es nur gerade dadurch nicht ganz.

Und so hat mir dieser Nicht-Ratgeber dann doch ein paar Lichter aufgehen lassen. Jetzt liest ihn der Mensch an meiner Seite und verschenkt an werdende Eltern hab ich es auch schon. Es ist auf eine seltsame Weise gar nicht so viel Neues drin und doch freue ich mich sehr, dass es da ist. Es ist ein bisschen wie die Freundin, die frau sich in der Schwangerschaft und danach wünscht. Offen. Herzlich. Nicht perfekt. Dazu stehend. Und zum Glück immer griffbereit!

10 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. anniefee
    Okt 07, 2011 @ 19:08:00

    „auf absehbare Zeit keine Privatperson mehr zu sein, sondern im öffentlichen Interesse zu stehen“ ist m.E. auch das Hauptproblem am Mutterwerden.
    Deshalb.. danke für die Erläuterungen, ich hatte von dem Buch noch nichts gehört, schreibe es jetzt aber auf meinen Wunschzettel😉

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  2. lucia
    Okt 08, 2011 @ 17:58:20

    Ist für mich kein Thema, aber ich kann dir auch Tipps da lassen.🙂

    Jean Liedloff:
    Auf der Suche nach dem verlorenen Glück.
    http://www.amazon.de/Suche-nach-verlorenen-Gl%C3%BCck-Gl%C3%BCcksf%C3%A4higkeit/dp/3406585876/ref=sr_1_sc_1?s=books&ie=UTF8&qid=1318088804&sr=1-1-spell

    Olivier Keller:
    Denn mein Leben ist lernen: Wie Kinder aus eigenem Antrieb die Welt erforschen.
    http://www.amazon.de/Denn-mein-Leben-ist-lernen/dp/3924195447/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1318088999&sr=1-1
    btw. so bin ich aufgewachsen🙂

    Grace Llewellyn:
    Das Teenager Befreiungs Handbuch: Glücklich und erfolgreich ohne Schule.
    http://www.amazon.de/Das-Teenager-Befreiungs-Handbuch-erfolgreich/dp/3934719252/ref=sr_1_1?s=books&ie=UTF8&qid=1318089144&sr=1-1

    Stefanie Mohsennia:
    Schulfrei: Lernen ohne Grenzen
    http://www.amazon.de/Schulfrei-Lernen-Grenzen-Stefanie-Mohsennia/dp/3937797122/ref=sr_1_2?s=books&ie=UTF8&qid=1318089365&sr=1-2

    LG,
    Lucia

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    • Khaos.Kind
      Okt 08, 2011 @ 18:57:48

      Huhu🙂

      Liedloff hab ich gelesen und fand ich auch sehr prägend.
      Der Rest kommt gleich mal auf meine Amazon-Wunschliste (wobei meine Kinder mit hoher Wahrscheinlichkeit in Ländern aufwachsen werden, die sehr wohl Schul- und nicht Bildungspflicht kennen aber drüber Nachdenken kann ja nicht schaden). Danke!

      Antworten

  3. Rike
    Okt 11, 2011 @ 10:22:21

    Liebe Khaos.Kind,
    danke für den schönen Text. Es freut mich sehr, dass dir mein Buch und mein Umgang mit der Kritikerin gefallen hat, das war für mich auch eine sonderbare Situation, Super auch, dass du so genau geschrieben hast, was dir fehlte, und ich kann durchaus verstehen, dass dir mein „Gleichberechtigung mit Kind? Am Arsch“ nicht ausreicht. Aber vielleicht sind ja ein paar der Literaturhinweise was für dich, ich fand Barbara Sichtermann toll und schockierend zugleich, weil das Buch schon so alt ist. Freundeskreis und Umfeld haben bei mir so unspektakulär reagiert, dass sich ein Text darüber nicht gelohnt hätte.🙂
    Also nochmal danke, und immer gern schreiben, wenn dir noch was auffällt.
    Liebe Grüße!

    Antworten

  4. Marie
    Feb 05, 2012 @ 21:32:53

    Liebe Rike,mir tat nach dem Buch eigentlich nur Dein Sohn leid,der als Beispiel halt immer herhalten muss.Ob er mit 20 immer noch darüber lachen kann das Mama ihn dermassen an die Öffentlichkeit zerren musste?Heutzutage sind alle immer „on“,ob bloggen,chatten oder twittern.Die Welt ist voller Selbstdarsteller.Das ist Deine eigene Entscheidung ,aber wer hat Deinen Sohn gefragt…

    Antworten

    • Khaos.Kind
      Feb 05, 2012 @ 23:04:19

      Liebe Marie,
      dir ist aber hoffentlich schon klar, dass dies nicht Rikes Blog ist, sie hier nicht unbedingt mit liest oder -schreibt. Wende dich mit deiner „Beschwerde“ doch bitte an Rike direkt.

      Und mal so nebenbei: Bitte, wenn eineR über Elternschaft schreibt, dann gehört das Kind/gehören die Kinder eben erwähnt – ohne sie gäbe es diesen Zustand nämlich nicht. Rike hat weder ihren Sohn vorgeführt noch sich auf seine Kosten lustig gemacht oder daran ne goldene Nase verdient. Sie schrieb über ihre Erfahrungen und was ihr in den jeweiligen Situationen als Mutter geholfen hat. Hast du das Buch überhaupt gelesen? Oder ist es dir einfach nur zu anstrengend dich an die Eltern zu wenden, die sich auf Kosten ihrer Kinder bereichern/selbstverwirklichen – nimm die Kinderschönheitswettbewerbe, Kinderarbeit, Misshandlung, Vernachlässigung, oder meinetwegen Amy Chua, die „Tigermutter“. Oder die unzähligen Promis, die allein für Babyfotos ne Menge Geld verlangen.

      Antworten

  5. Rike Drust
    Feb 07, 2012 @ 10:30:43

    liebe marie, auch ich finde, du solltest dich, wenn du dich beschweren möchtest, an mich direkt wenden. entweder kannst du das auf meinem blog infemme.twoday.net tun oder noch besser auf der facebook-seite zum buch facebook.com/muttergefuehle
    Ich habe mir tatsächlich vorher gedanken gemacht, ob ich es in dem Buch vorführe, mich aber dann dagegen entschieden, denn es ist, wie khaos.kind schreibt: mein kind gehört zu meiner mutterschaft dazu, um die es ja im buch gibt. mein kind muss weder an modenschauen teilnehmen, noch auf knopfdruck squaredance tanzen, und ich mache auch keine homestories, für dass ich ganz viel geld kassiere und dann für exotische schnittblumen und guccischuhe ausgebe.
    ich bin sensibel mit dem thema umgegangen, und, ganz ehrlich: so lange ich mails und nachrichten von jungen müttern bekomme, denen mein buch wirklich geholfen hat, weil sie sich nach dem lesen entspannen konnten und glücklicher waren, würde ich immer wieder dieses buch schreiben.

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  6. Trackback: inFemme » Blog Archive » Blog- und Presseschau!

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