Aktion – Reaktion – Reaktionär?

Seit Mittwoch, dem 5. Oktober 2011 hat die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) der Universität Wien wieder eine gewählte *Frauenreferentin. Der ich zu ihrem verdienten Sieg gratulieren möchte. Denn das war dieses Jahr gar nicht so einfach. Und auch wenn ich das letztendliche Ergebnis bedingungslos unterstütze, habe ich doch ein paar Steine im Magen, was die Vorgehensweise anbelangt. Diese möchte ich hiermit niederschreiben, aus dem Kopf, aus dem Bauch und hinein in die Öffentlichkeit.

Eigentlich fällt die Wahl der *Frauenreferentin etwas verzögert mit der allgemeinen Wahl der ÖH zusammen, also zwischen Mai und Juli dieses Jahres. Aus Neugier und aus einem tiefen Demokratieverständnis heraus, ging ich also hin. Wenn schon eine studentische Vertreterin für „meine Hälfte“ (im übertragenen Sinne, weder statistisch noch binär gedacht), dann will ich auch mitbestimmen, wer das ist. Die konkrete Situation hat mich jedoch sehr überrascht. Gerade mal ca. 20 *Frauen, davon fünf generell im *Frauenreferat aktiv. Von etwa 40.000 Studentinnen, die in der Uni eingeschrieben sind.
Und ja, es ist verständlich. Nur ein Bruchteil der Studierenden engagiert sich im Netzwerk der ÖH, die gesamte Wahlbeteiligung der offiziellen Organe lag 2011 bei gerade mal 28%. Und obwohl das *Frauenreferat sehr engagierte Menschen beherbergt und tolle Projekte in Angriff nimmt (z.B. die *Frauenforscherin – das kommentierte Vorlesungsverzeichnis feministischer/feministisch interessanter Lehrveranstaltungen), Beratung anbietet und in diversen Arbeitskreisen und Gleichstellungsgremien vertreten ist – trotz allem ist natürlich auch hier die Entwicklung zu spüren, die die Berechtigung von Frauenförderung und das Engagement für Feminismus in Frage stellt. Zuzüglich zum Bologna-Wandel, den verschulten Studienplänen, den Schwierigkeiten den eigenen Lebensunterhalt zu bestreiten und natürlich dem gesamten unterfinanzierten Hochschulbereich.
Peinlich fand ich es trotzdem!
Und dann kam der Hammer: Es stand nur eine Person zur Wahl. Das kann mensch doch nicht mal Wahl nennen! Unabhängig davon, ob die sich bereitstellende Person nun kompetent und motiviert oder engagiert ist. Aber das ist doch Pseudodemokratie!
Dahingehend war ich schon fast ein bisschen froh, dass eine Gruppe von etwa 7-10 Frauen sich echauffierte. Sie hätten erst vor kurzem von der Wahl und dem Frauenreferat erfahren, keine Einladung bekommen und überhaupt würde sich eine von ihnen auch gern zur Wahl stellen. Mein demokratisches Herz fand das super. Der Rest von mir war etwas skeptisch. Ich gebe zu, ich habe auch meine Vorurteile, die v.a. angehende JuristInnen oder BWLerInnen betreffend. Aber ein Teil dieser Gruppe hat sich wirklich wie das Jura-Klischee aufgeführt! Beschweren und gleich die Satzung sehen wollen, um aus irgendeiner Wortdreherei der anderen Partei einen Strick zu drehen. Natürlich hilft es bei einer solchen “Argumentation“ ziemlich, dass die Einladungsmails über uni-interne Verteilerknotenpunkte gehen und niemand nachweisen kann, dass die ausgesandte Mail an ALLE 40.000 StudentInnen ging. Nun ja. Sie haben ihr Ziel erreicht. Wie Wahl wurde auf den Herbst verschoben, es würde noch einmal mit allen Formalien eingeladen und Bewerbung wäre noch möglich. Das war also letzten Mittwoch, 17 Uhr.

Hier könnte die Geschichte beendet sein. War sie blöderweise nicht.
Ich hatte um 16.45 Uhr eine Prüfung und dachte schon, ich könnte mich vor der Wahl drücken. Woher der Sinneswandel? Nun, es gingen verschiedene Mails durch diverse Verteiler, in denen etwa das stand (Ausschnitt):
Sicher haben einige von euch schon mitbekommen, dass die letzte Frauenvollversammlung zahlreich von AG-*Frauen besucht wurde und damit auch die Wahl der *Frauenreferentin verhindert wurde. (…) Da bereits jetzt eine Bewerbung einer AG-*Frau da ist und an zu nehmen ist, dass die AG stark mobilisiert bitten wir euch alle hin zu kommen und möglichst viele Frauen mit zu bringen!

Wir würden gerne weiter als offenes Kollektiv mit wöchentlichen, offen eingeladenen Plena und unabhänig von Fraktionen arbeiten.

Tschuldigung aber hä?
Nur weil’s lauter angehende Juristinnen waren und die AG (Aktionsgemeinschaft, ÖVP-nahe Studierendenfraktion – wissen alle, wissen sie aber sie geben es nicht zu) am Juridicum besonders stark vertreten ist… aber gut, ihr kennt euer Metier besser als ich.
Was mich mehr aufregt, ist diese Stimmungsmache! Wir wollen frei, offen und unabhängig bleiben – aber dafür müssen wir die andere Bewerberin und ihren Anhang ausbooten? Unter frei, offen und unabhängig verstehe ich ehrlich gesagt was anderes. Das ist für mich einfach keine gute Wahlwerbung und mein liberales, demokratisches Herz findet das auch doof!

Meine Freundinnen, mit denen ich mich nach meiner Prüfung noch treffen wollte, saßen allerdings in der Frauenvollversammlung und so kam ich direkt nach meiner Prüfung passend zu dem Teil, als die zweite Bewerberin sich vorstellte.
Leider habe ich die erste Bewerberin – die „AG-Frau“ – ziemlich genau verpasst. Scheint lustig gewesen zu sein, ihrer sehr gut ausformulierten aber inhaltlich schwachen Rede zuzuhören. Inhaltlich bestand diese in etwa aus „wir sind aber Frauen und wollen keine Männer werden“, die Stärkung „weiblicher Tugenden“ (?) und wasimmer sie unter „bürgerlich liberalem Feminismus“ verstand. Die anschließenden Fragen (die zum Programm gehörten, von dem sie gewusst hat) scheinen sie dann ziemlich ins Schwanken gebracht zu haben. Wer hätte auch erwartet, dass sie ihr Feminismusverständnis erklären können sollte oder was für sie eine Frau ausmacht (Antwort übrigens irgendwas mit Fruchtbarkeit und Schwangerschaft – keine Kinder zu wollen oder bekommen zu können, scheint in ihrem Kopf wohl keine Option).

Dagegen war es (zumindest für mich) echt eine Wohltat der zweiten Bewerberin zuzuhören. Fundiert, frei und reflektiert. Ja, da fand ich mich durchaus wieder. Und nein, ich bin da nicht unparteiisch. Auch ohne sie näher zu kennen. Die gute arbeitete schon seit längerer Zeit freiwillig im *Frauenreferat mit, wusste was wo wie ansteht und geplant ist und gab sich echt Mühe. Das sind Eigenschaften, die ich allgemein sehr schätze und gern bei einer zukünftigen *Frauenreferentin sehen würde. Ich war glücklich – bis die zweite Fragerunde begann. Ich wurde einfach das Gefühl nicht los, dass hier nicht ganz unabsichtlich provoziert wurde. Mitten während einer Frage sprang eine Studentin aus der vorletzten Reihe auf und rief nach Vorne, wie es die Bewerberin denn damit hielte, dass die Freundin der Fragenden, die in einem Männerkörper gefangen sei, vor der Wahl rausgeworfen wurde und nicht an der *Frauenvollversammlung teilnehmen dürfe? Wie es denn bitte da mit dem Aufweichen der Geschlechterstereotype gehalten würde?
Spannendes Thema. Wie gehen wir (als engagierte, interessierte Menschen) in solchen Situationen mit Trans*menschen um?
Nur – die Frage war nicht ernst gemeint. Sie war geschauspielert und das nicht mal besonders gut. (Das nächste Mal bitte das Lachen verkneifen, während des Empörens, ja? Und überhaupt, hätte die Frage nicht besser zur ersten bürgerlich-liberalen Bewerberin gepasst? Dann wäre es nämlich auch zeitnäher am Ereignis gewesen und nicht erst kurz vor Ende der Veranstaltung!)
Und überhaupt, sofern die angesprochene Bewerberin nicht in der Situation dabei war – was soll sie dazu denn sagen? Ja, das steht so in den Statuten und müsste überarbeitet werden. Natürlich würde sie sich für das Recht für trans*Personen einsetzen, als das Wahlgeschlecht wahrgenommen zu werden. (hat die Befragte so beantwortet aber der sich aus Solidarität Empörenden reichte das nicht und so giftete sie noch eine Weile rum)
Und dann passierte etwas, das bei mir unter nicht-tolerierbare Untergriffigkeit fällt: Die AG-Bewerberin sprach eine in ihrer Nähe Sitzende an und meinte etwas in der Richtung, sie sähe doch auch aus wie ein Mann, was sie denn hier verloren hätte. Äh… HALLO?
Mir fehlen die Worte! Nicht nur, dass es ein furchtbares Bild auf sie als Bewerberin wirft (es war noch vor der Wahl), sondern auch auf sie als Mensch. Das geht doch einfach mal überhaupt nicht!

Und nein, das war’s immer noch nicht!
Nach der Wahl (die zweite Bewerberin hat verdient mit 101 von 128 Stimmen gewonnen) saßen meine Freundinnen und ich im Café Rosa und wer traf kurz nach uns ein? Eine Truppe AG-Menschen. Nicht irgendwelche, sondern ein Großteil der Frauen* (plus Männer*), die keine Stunde vorher bei der *Frauenvollversammlung noch über das Café Rosa als Hort blinden Feminismusgesülzes, Männerhasses, Beleidigung von Gläubigen und überhaupt ÖH-Geldverschwendung hergezogen hat. Bis zu dem Moment war ich wirklich skeptisch, ob das nicht ein bisschen paranoid von den *Frauenreferatsmenschen war, das mit der AG-Sache. Aber da standen sie, dieselben Frauen und hatten AG-T-Shirts an. Und zwar nicht so, wie jemand eben irgendwelche Band-Shirts im Schrank hat, sondern bewusst. Ne Stunde vorher sahen die nämlich noch anders aus!

Manche Sachen sind so abwegig, die können nicht real sein – und sind’s dann doch!

Mir hat zeitweise das Verhalten von „beiden Seiten“ Bauchschmerzen gemacht. Mit einigen der AG-Frauen habe ich gut reden können. Die sind ja nicht nur scheiße reaktionär. Sondern oft auch von den selben Dozierenden inspiriert wie auch ein Großteil meiner KommilitonInnen und ich. Sie wollen auch nur ihren Beitrag leisten zu einer Welt, die sie als gerechter empfinden. Vielleicht nicht alle aber viele.
Warum muss das dann in solch Gehacke ausarten?
Warum ist es verdammt noch mal so schwer, sich gemeinsam einem Ziel zu verschreiben? Angehende JuristInnen können gerade im Bereich Geschlechtergerechtigkeit und Hochschulpolitik ein unglaublicher Vorteil sein. Und dann ist es doch nur Fraktionshickhack (unabhängig von wem er ausgeht) und Differenz vrs. Queerness.

Ich find das scheiße!
Lasst das!

Ein Kommentar (+deinen hinzufügen?)

  1. Vera
    Okt 10, 2011 @ 23:56:36

    Deine Beobachtung stützt meine These, dass sich die AGler*innen überhaupt nur wegen des Café Rosa fürs *Frauenreferat/für die *Frauenvollversammlung interessieren. #fail

    Antworten

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