F³ – Julie/Julia

Nachdem Anke Gröner mich neugierig auf dieses Filmchen gemacht hat, kam ich ja selbst nicht umhin, mir ein Urteil zu bilden. Es waren sehr angenehme 123 Minuten, die ich da verbrachte, das bereits vorneweg.

Story
Der Film verbindet zwei Geschichten.
Einmal die von Julie Powell (Amy Adams), die in ihrer aktuellen Situation, ihrer Arbeit und ihrem Leben nicht ganz so glücklich ist. Sie wäre gern Autorin, arbeitet aber als Versicherungsangestellte in einem Center, das seinen Schwerpunkt auf die Langzeitfolgen von 9/11 gelegt hat. Dann zieht sie mit ihrem Mann von Brooklyn nach Queens. Die Treffen mit ihren Freundinnen geben auch eher ein deprimierendes Bild ab, sind von den beruflichen und privaten Erfolgen der anderen bestimmt. Julie selbst wirkt dort ziemlich fehl am Platz. Ein düsteres Bild.

Ganz anders wird das Leben von Julia Child (Meryl Streep) dargestellt. Die ersten Bilder zeigen sie, wie sie 1949 als Frau eines US-Diplomaten (Stanley Tucci) ihr pompös eingerichtetes Haus in Paris entdeckt. Julia ist kein Kind von Traurigkeit und wo immer sie hinkommt, wird sie in ihrer erfrischenden Offenheit und Hartnäckigkeit umschwärmt. Auch sie sucht in dem ihr fremdem Land nach einem Sinn in ihrem Alltag, probiert Hutmacherei und Bridge aus – bis sie aufs Kochen stößt. Das sie einmal zur berühmtesten Köchin der Welt werden lässt. Und da treffen sich die beiden Geschichten.

Das Buch „Mastering the Art of French Cooking“, das Child in den USA berühmt machte, ist die Schnittstelle. Julie kocht zwar gern aber anfangs noch nicht besonders gut. Angeregt durch eine bloggende Freundin beschließt sie: Wenn ich sonst nichts fertig bekomme – ein Jahr lang werde ich alle 524 Rezepte aus Julie Childs „Mastering the Art of French Cooking“ nachkochen. Und darüber bloggen. Das Julie/Julia-Projekt ist geboren.

Und so verzweigt sich diese Doppelgeschichte. Julie, die nun neben der Arbeit ein sehr zeitraubendes Kochprojekt am Laufen hat, mit all den Startschwierigkeiten und der Freude über das erste selbst gekochte und gegessene Ei oder die ersten Kommentare auf ihrem Blog. Die ihr Glück an das Gelingen eines Gerichtes und die imaginäre Freundin Julia Child hängt. Die erst kämpfen muss und dann versuchen, ob ihrer wachsenden Bekannt- und Berühmtheit nicht den Boden unter den Füßen zu verlieren.
Und Julia, deren Leben bunt und pompös, liebevoll und durchsetzungsstark gezeigt wird. Eine Julia, die die erste weibliche und beste Schülerin des Cordon Bleu wird. Die mit Leidenschaft kocht und der über Umwege die Teilhabe an einer Buchveröffentlichung angeboten wird – eben „Mastering the Art of French Cooking“. Die aber scheinbar nichts umhauen kann, auch nicht als ihr Mann immer wieder versetzt wird und sie über acht Jahre und viele Briefe/Postpakete hinweg das gemeinsame Buchprojekt fertig stellt.

Resümee
Schauspielerisch trägt sich der Film vor allem durch Meryl Streeps Dynamik. Und durch Stanley Tucci, der ihren Mann spielt. Diese aufrichtige Zuneigung der beiden Figuren zueinander ist so was von greifbar und ehrlich. Unglaublich, davon können sich so manche Schauspieler_innen noch eine Scheibe abschneiden! Von Amy Adams habe ich ein paar Tage vorher „Sunshine Cleaning“ gesehen und war trotz ihres soliden Spiels ziemlich enttäuscht. In „Julie&Julia“ hat sie bei mir wieder ein paar Punkte gut machen können. Besonders ihre kleinen Ausraster fand ich ziemlich erheiternd.
An dieser Stelle muss ich allerdings einigen anderen Kritiken widersprechen, die die Darstellung/Aufbereitung der Child-Geschichte in den 50er/60ern für zu unkritisch halten. In meinen Augen ist diese Geschichte ein bewusst gesetzter rosa-Brillen-Kontrast, der die unsichere und schwankende Julie beflügelt. Ein Heldinnenepos, das andere inspirieren soll. Die Geschichte von Julia Child findet in meinen Augen vorwiegend im Kopf von Julie statt. Und wird meiner Meinung nach am Ende als solche aufgebrochen.

Was mir an der Story übrigens sehr gut gefallen hat, war, dass Julie über ihr Projekt bloggt. Dass, wenn auch nur am Rande, die Skepsis Außenstehender gegenüber Blogs und bloggenden Menschen, deren Möglichkeiten und Grenzen thematisiert werden. Dass Julie von ihr unbekannten Menschen Geschenke bekommt. Zutaten, an die sie sonst vielleicht nicht käme. Dass Julie nicht nur fast täglich kocht, sondern auch fast täglich darüber schreibt (allerdings keine Julie, die Kommentare moderieren muss). Dies ist er erste Spielfilm überhaupt, der auf einem Blog basiert!

Insgesamt lässt sich sagen, dass es gut ist, dass Regisseurin Nora Ephron hier zwei Geschichten zu einer verbindet. Denn eine allein wäre dann doch auf Dauer ziemlich langatmig geworden. Was ihr zudem wunderbar gelang, sind die Bilder, die Leidenschaft und Liebe fürs Kochen und Essen einfangen und es allein visuell schafft Appetit auf mehr machen. Die Freude und Sorglosigkeit in der sich Berge von Butter im Kühlschrank stapeln, sich Wochenmärkte mit Gerüchen und frischen Köstlichkeiten in einer Farbenpracht präsentieren, das brutzeln und braten, das Herrichten des Gekochten… all das ist ein ausgestreckter Mittelfinger in Richtung des ganzen Mager- und Selbstoptimierungswahns. Essen soll ein Synonym für Genuss sein – nicht weniger!

4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Loki's Son
    Okt 16, 2011 @ 11:46:49

    „Freude über das erste selbst gekochte und gegessene Ei“

    Es geht hier selbstverständlich nicht nur um banales Eier kochen, sondern um die Kunst des Eier pochierens!

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  2. BadHairDays
    Feb 04, 2012 @ 15:36:29

    Die Darstellung durch Meryl Streep ist sogar noch besser, als du es berschreibst. Ihre Darstellung der echten Julia Child war so realistisch, das mir etwas aufgefallen, dass mir später, nach etwas online Recherche, bestätigt wurde. Julia ist Intersexuell (PAIS, eine so genannte XY Frau)

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    • Khaos.Kind
      Feb 04, 2012 @ 22:57:42

      @BHD
      Echt? Faszinierend🙂
      Hast du da eine Quelle zu? Da es nicht auf Wiki steht (würde mich auch wundern), hätte ich ganz gern hier im Blog einen Beleg, für alle die später mal drauf stoßen. Halte das für eine guten Hinweis – mehr Sichtbarkeit für intersexuelle Menschen.
      (und ja, ich bin etwas faul und such nicht selbst, wenn du da wahrscheinlich eh was hast)

      Antworten

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