Alles nicht so einfach. Oder: Gender matters

Vor kurzem wurde ein (englischer) Blogpost in meine Twitter-Timeline gespült. Den auch ich fleißig verbreitet habe, weil ich ihn spannend und gut und wichtig finde: Feminism for dudes (from a dude)
Wie der Name schon sagt, geht es darum, die Grundlagen von und Herangehensweise an Feminismus zu erklären – für Männer* und VON Männern*. Phantastisch soweit.
Heute nun schreibt der Online-Freitag über dieses Phänomen, den obigen Blogartikel und dieses ebenfalls englischsprachige Buch (The Guys Guide to Feminism). Unpassenderweise trägt der Artikel die Überschrift: Die Erklärbären. Die Verbreitung auf Twitter ist dann auch ähnlich missglückt:

Die Reaktionen auf Twitter waren dann auch dementsprechend weniger angetan davon. Der Tweet impliziert, nein expliziert, dass es darum ginge, Feminismus in „einfach“ zu erklären. Und das das mal ein paar Männer* in die Hand genommen hätten. Endlich.
(In der Einleitung des Artikels steht übrigens das schöne Wörtchen „auch“, dass zumindest darauf verweist, dass dies nicht der erste Versuch ist, Feminismus verständlich zu machen. Besser. Aber auch am Thema vorbei.)

Was mich an dem Ganzen so stört, am Artikel wie auch am Tweet:
Es geht nicht um Einfachheit oder Verständlichkeit. Das ist soweit ich es verstanden habe auch nicht der Fokus des Blogbeitrags, der für Grundwissen selbst auf feminism101 (englisch) verlinkt. Es geht um Geschlecht. Darum, dass Männer* andere Männer* direkt ansprechen. Weil diese ihnen eher zuhören. Ihnen automatisch mehr Kompetenz zuschreiben. Sich eher angesprochen fühlen und auch reagieren. Und weil Männer* vielleicht einen anderen Blick auf das Ganze haben.

Da können Feministinnen* (Sternchen am Ende, weil eben v.a. als weiblich identifizierte Personen gemeint sind und nicht alle Geschlechter) noch so oft von „Patriarchy hurts mens too“ erklären, schreiben, anmerken, schreien. Oder anführen, dass sie keine Männer hassen. Wird im Freitag-Artikel übrigens auch erwähnt, ist allerdings noch mal eine Problematik für sich, die ich ein anderes mal  ausführen werde. Die Sache ist eben die: Solange von Feminismen geschlechtsbedingte Privilegien angegriffen werden, werden Träger* dieser Privilegien sich davon angegriffen fühlen und in 99,9% aller Fälle erst einmal abblocken. Der wichtige Inhalt der Message geht dann schnell mal unter. Weil er weh tut.

Und mal ehrlich. Was weiß ich davon, wie es ist, als männliches* Wesen geboren zu werden, aufzuwachsen, als Norm zu gelten? Ich werde wohl nie wissen, wie es ist, männliche* Privilegien zu berücksichtigen oder zu bedenken oder sie selbst zu bekämpfen – weil ich sie nie haben werde. Weil ich sie nicht internalisiert habe und diesen Bewusstwerdungskampf nie führen brauche. Ich kann das auf anderen Ebenen, z.B. als weiße* antirassistische Person. Da bin ich dann die mit den Privilegien und der Bewusstwerdung und der Blockade und dem Kampf gegen sich selbst und die Strukturen, die mir Vorteile verschaffen. Diese Analogie ist allerdings genau das – eine Analogie  – und nur sehr bedingt auf Geschlechterverhältnisse übertragbar. Als Frau* kann ich kaum bis keine Aussage darüber treffen, wie Feminismus für Männer* verständlich/nachvollziehbar/lebbar ist. Ich kann als heterosexuell lebender Mensch auch schwer etwas über das Leben als Lesbe/Bi- oder Pansexuelle sagen. Als cis-Frau kann ich wenig über das Leben als trans-Mensch sagen. Ich weiß davon einfach zuwenig und wenn, dann bin ich eher die Außenstehende. Das ist eben der Wert des Kontextes. Darum finde ich den Blogpost und das Buch wichtig und richtig. Darum finde ich es gut, dass Männer* mit Männern* über Feminismus sprechen und darüber schreiben. Doch genau darum bin ich von dem Artikel mittelschwer enttäuscht. Weil er den Fokus verfehlt. Weil es nicht darum geht, etwas einfach zu sagen. Weil es darum geht, wer es sagt. Gender matters. That’s the point.

 

Edit: Ich führe hier keine Privilegiendiskussionen. Dafür gibt es einen bestehenden Blogpost.

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11 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Trackback: Männer erklären Männern Sexismus. Alles supi jetzt? « Rummotzen
  2. Chomsky
    Aug 08, 2012 @ 22:53:00

    @Khaos.Kind

    Wie würdest Du eigentlich Privilegien definieren? Und was für unterschiedliche Privilegien gibt es? Und wer definiert, was Privilegien sind und was nicht? 🙂
    Und sind Privilegien quasi objektivistisch abgeleitet? Oder spielen auch subjektive Faktoren eine Rolle? Und könnte ein Privileg auch gleichzeitig ein Nicht-Privileg sein, also mit einem Nachteil verbunden?

    Und welche Privilegien hätten dann im Durchschnitt Männer und welche Privilegien hätten im Durchschnitt Frauen?
    Und wenn wir das Konzept der Intersektionalität nehmen: Kann man dann eigentlich noch von den Männern, den Frauen, den Weissen, den Jungen, den Alten etc. sprechen?

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Aug 08, 2012 @ 23:08:33

      @Chomsky
      Über den Privilegienbegriff habe ich bereits gebloggt. Einfach zu finden über die Suchfunktion oder die Schlagwortwolke rechts.
      Die restlichen Fragen beantwortet dir die Suchmaschine deines Vertrauens.

      Zu Intersektionalität:
      Nein. Von DEN Männern, DEN Frauen, DEN Weißen, DEN Jungen, DEN Alten kann mensch nicht sprechen. Also schon aber dann wird’s einfach unpräzise.
      Das heißt allerdings nicht, dass die Kategorien männlich, weiblich, weiß, bunt, jung, älter, alt etc.pp. ad acta gelegt werden können. Sie spielen nach wie vor eine wichtige Rolle im sozialen Leben.
      Zur Schreibweise und dem Ansprechen verwende ich ganz gern das *. Mal schauen, ob ich dazu komme, das demnächst bei den Grundsätzen des Blogs auszuführen.

      Antwort

  3. Kadda
    Aug 08, 2012 @ 23:41:00

    da ist was missverstanden worden, ich versuch mal kurz, das zusammenzufassen, was ich mir beim Schreiben dachte:

    die Einleitung kam eigentlich inspiriert durch die Einleitung der beiden Michaels 🙂 sie sagen am Anfang, dass Feminismus eben von Vorurteilen nur so überschüttet wird. und dass sie deswegen dieses Buch geschrieben haben – um Dinge mal klarzustellen. Dass Gender dabei mattert habe ich nicht explizit erwähnt, weil ich das irgendwie so selbstverständlich finde! ich mein: warum sonst ein Guide für Männer von Männern?
    nein: mit ging es eher nochmal um dieses: hey – Feminismus ist nicht einfach in zwei Sätzen erklärt, Jungs – umso besser, dass es jetzt ein ganzes Buch gibt, das extrem breit gefächert ist usw…
    wie alle meine Kolumnen ist es vor allem eine persönliche Erfahrungsperspektive als Feministin: es IST kompliziert, weil alles umfassend. und nein: es geht nicht darum, dass jetzt mal ENDLICH welche es gescheit erklären. sondern darum, dass Männer es Männern erklären. sagte ich ja auch, als ich den Teil mit den Alphamädchen abschloss. ich finde das hinein interpretiert – und zwar von dem Twitter-Account des Freitag. das habe ich nämlich so nicht konzipiert oder gemeint.

    ich wollte aber ehrlich gesagt auch nicht so stark auf diesem Gender matters dabei abheben. klar mattert das. das ist doch logisch. mir ging es tatsächlich einfach darum, das Buch vorzustellen und einzusortieren. that’s all.

    hoffe, das war jetzt einigermaßen verständlich.

    Antwort

  4. Chomsky
    Aug 08, 2012 @ 23:49:58

    @Khaos-Kind

    Nun, die Beantwortung meiner Frägen hätte mich natürlich von Dir interessiert, insbesondere, wer definiert, was Privilegien sind und was nicht und ob diese objektivistisch abgeleitet werden können oder auch subjektive Faktoren eine Rolle spielen. Weil sonst bleibt man m.E. schon ein bisschen an der Oberfläche bei dieser Debatte um Privilegien. Weil ich würde wohl z.B. das, was Privilegien sein könnten etc. schon ein bisschen anders definieren, als Du es gemacht hast. Und weil ich auch der Ansicht bin, dass es eben auch einen Kampf darum gibt, was unter Privilegien verstanden werden kann und was nicht: also quasi Definitions- oder Deutungskämpfe.

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Aug 09, 2012 @ 00:16:05

      @Chomsky
      Dann sag das bitte gleich so und nicht um 5 Ecken.
      Und nein, Privilegien sind nicht subjektiv definiert. Sollte in meinem Posting deutlich geworden sein. Wenn du das anders siehst, bitte (soll heißen, ist mir wurst, ich halte mich an gängige anerkannte Definitionen, führ deine Deutungskämpfe bitte woanders).

      Antwort

  5. Leptos
    Aug 09, 2012 @ 00:38:03

    Thanks for the comments on my post! That was my idea – to talk to other men about feminism, and how best to approach feminist discussions. It’s hard for guys to suppress their urge to dismiss women’s experiences.

    It’s also pretty crazy to me that my post from months ago is suddenly being shared on so many German blogs. I speak about four words of German, so google translate has been helpful.

    Antwort

  6. Trackback: Männliche Erklärbären und Male Privilege « sanczny
  7. Trackback: Verlinkt • Denkwerkstatt
  8. Kuroro
    Aug 13, 2012 @ 03:16:45

    Seid gegrüsst Khaos.Kind
    Ich habe diesen Artikel und den über die Definierung des Begriffs Privilegs gelesen und würde gerne mal von dir wissen was du über das Vaterschaftstestrecht hälst .
    Soweit ich das verstanden habe müssen Vaterschaftstests entweder eine Einwilligung aller Beteiligten haben oder gerichtlich angeordnet werden. Gerichtlich angeordnet werden können die in der Regel nur bei Begründeten Verdacht. Alles andre wären heimliche Tests die sogar unter Strafe stehen ( http://www.focus.de/gesundheit/gesundheits-news/gendiagnostikgesetz-bundestag-stellt-heimliche-vaterschaftstests-unter-strafe_aid_392947.html hab leider nichts neueres gefunden zum Strafmaß und obs noch gilt). Somit hätte der Vater bei einem Kuckuckskind nur die Hoffnung, dass die Betrügerin Reue zeigt, anders kann er legitim garnicht erfahren ob er nun der richtige biologische VAter ist oder nicht.
    (laut diesem feministischen Beitrag sind sogar bis zu 10% schätzungsweise kuckuckskinder http://www.wdr.de/tv/frautv/sendungsbeitraege/2012/0412/thema_4.jsp wobei ich andre Quellen gelesen haben die von 3 % reden und einräumen je nach Region von 1 – 30 % )

    1. Wollt ich gerne wissen ob du auch findest , es ist ein Privileg der Mutter darauf zu wissen von wem das Kind ist .

    und 2. was du von heimlichen Vaterschaftstest hälst? (natürlich auch nur wenn es die rechtlichen Väter sind ,die daran beteiligt sind und nicht irgendwelche Neugierigen Dritten ^^)

    Dann hab ich noch zu deinem Link , der Typ meint doch, dass es aus Feministensicht ein Privileg ist eine niedrigere Chance ist vergewaltigt zu werden als Mann. Ist es wirklich Konsenz, dass sowas als Privileg zählt? Das wäre für mich doch so, als würde man sagen es ist Privileg als Frau zu sein, weil die Wahrscheinlichkeit das eine Frau bi- oder homosexuell statstisch zu treffen höher ist (von denen die sich auch outen) und ihr somit wahrscheinlicher einen Partner findet. Oder dass ihr wahrscheinlicher beim Ausgehn etwas zu trinken ausgegeben kriegt als ein Mann. Ich sehe Privilegien eher etwas als nicht veränderbar wie Gesetzestexte, z.b. die Frauenquote (was ich auch gern wüsste was du davon hälst, ist das nicht Diskriminierung mit Diskriminierung bekämpfen?)

    Letzte Frage, glaubst du nicht es könnte für den ganzen Feminismus an sich nicht effizienter sein, wenn man sich auf eine allgemeine Gleichberechtigungsideologie begeben würde? Ich würde spekulieren, wenn es da mehr Frauen gibt als auch noch mehr negative Misstände in der Gesellschaft für Frauen als für Männer, könnte man schneller Erfolge ziehn. Mir fällt es so schwer zu glauben das sich Menschen, die sich für andre Menschen einsetzen nicht gewillt sind bestimmte Gruppen (gender,rasse etc.) mit einzu schließen. Wenn klar wär dass ihr ebenfalls gegen Männer gesellschaftliche Misstände wärt, sollten es doch ebenfalls massig Mitstreiter vom andrem gender geben die sich ebenfalls für beides einsetzen und beiden Seiten würden davon profitieren. Oder wo liegt da mein Denkfehler !?=/

    So zu letzt möcht ich mich noch ein ganz klein wenig entschuldigen, weil der englische Schreiber aus dienem Link meint, ihr hört die Fragen ständig wieder und wir Interessierte sollen gefälligst auf den Link seinerseits gehn um das wesentlichste vorweg zu erfahren über den Feminismus. DAS IST PURE FRECHHEIT!
    Sorry aber Emanzipation bedeutet Aufklärung und Befreiung, etwas das man aktiv tun soll. Ich würde als Datenschützer/in, Freiheitsrechtler/in und Atom Kraftgegner/in auch lieber nur ne Website hinstellen und Leute mal knapp darauf verweisen. Aber dagehört nunmal mehr dazu ! Ich hoff nicht alle Feministinnen/Feministen denken so Oo Mich nervts ja auch die Leute ständig miit den selben Argumenten zu beschmeißen warum eine Vorratsdatenspeicherung unsere Freiheit bedroht, warum facebook und Apple schlecht sind und warum Acta gefährlich ist , aber 1. ist das nötig wenn wir nicht verlieren wollen und 2. Aktivist zu sein bedeutet auch durchzuhalten mit seinem Aktivismus und nicht nach paar Wochen all den content den man ausgetauscht hat zu sammeln, irgendwo hin zu packen und hoffen die Menschheit geht dran vorbei, liest es und verändert endlich ihren Horizont.

    MFG kuroro

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Aug 13, 2012 @ 12:28:18

      @Kuroro
      Irgendwie bezweifle ich, dass du die Blogeinträge gelesen hast. Sonst wäre dir aufgefallen, dass unter diesem hier steht, dass ich hier nicht über Privilegien spreche. Stell deine Fragen unter den entsprechenden Blogeintrag oder lass es ganz. Das kann doch echt nicht so schwer sein.

      Für alles andere verweise ich auf die auf diesem Blog geltenden Empfehlungen. Insbesondere Puntk 5.
      Wer also hier kommentiert und auch von meiner Seite eine konstruktive Antwort möchte, dem/der empfehle ich sich an die dortigen Punkte zu halten.

      Antwort

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