F³ – Tomboy

Die neue Familie im Wohnblock. Ein entfernt arbeitender und daher meist abwesender, liebevoller Vater. Eine hochschwangere, wortkarge Mutter. Jeanne, die am liebsten im rosa Tutu durch die Wohnung tanzt. Und ja – das den ersten Blick androgyn wirkende älteste Kind.

Es ist ein fröhliches Familienleben, das anfangs gezeigt wird. Das älteste Kind, wie es mit seiner Schwester spielt, mit dem Vater Auto fährt, kuschelt. Kind eben – Geschlecht egal.
Oder auch nicht.
Das Kind, das sich der neuen Nachbarin Lisa und der ansässigen Kindergruppe mit „Michael“ vorstellt, ist in seiner Familie nämlich als Laure bekannt…
(ab jetzt kommen Spoiler, wer davon nichts wissen will, der/die/das sollte besser nicht weiter lesen.)

Ich muss schon sagen, ich fand den Film beeindruckend. Erfrischend. Bis auf die letzten fünf Minuten. Dieses Ende! Fürchterlich!
Aber von Vorn:
Natürlich bleibt es nicht so idyllisch. Erst merkt die kleine Schwester, dass Laure in der Wohnung nicht dieselbe wie außerhalb ist. Nur stört es sie nicht. Nach einem kurzen Zögern (erkauft durch „dafür nehme ich dich mit auf die Ausflüge“) freut sie sich über ihren großen Bruder, der groß und stark ist und sie immer beschützen kann.
Als Michael das allerdings wirklich einmal tut, kommt auch die Mutter darauf. Und sie ist wenig begeistert davon. Was der Vater dazu sagt, kommt leider nicht heraus. Es ist von den vorherigen Szenen allerdings anzunehmen, dass er seine Kinder vor allem glücklich sehen will. Die Mutter auch, auf ihre Art. Denn bald geht die Schule los und auf der Klassenliste steht eben eine Laure und kein Michael. Die Art ihrem Kind das deutlich zu machen, setzte mir allerdings ziemlich zu. Am Morgen, nachdem die Mutter erfahren hat, dass ihre Tochter in der Nachbarschaft als Sohn unterwegs ist, weckt sie ihr Kind, befiehlt ihm, ein Kleid anzuziehen und gemeinsam tingeln sie durch die Nachbarschaft. Um „richtig“ zu stellen, dass Michael eben eine Laure ist. Weil ja biologischer Körper das „richtige“ Geschlecht ist. Schlechtes Ende Teil 1.

Nach dieser und einer anderen erniedrigenden Situation verkriecht Laure sich Zuhause. Nun die Abschlussszene. Der von der Mutter heiß ersehnte kleine Bruder ist geboren. Lisa steht vor der Wohnung und winkt Laure raus. Diese geht zu ihr. Wie als sie sich das erste Mal sahen, fragt Lisa den bekannten unbekannten Menschen, wie er denn heiße. Worauf hin die Antwort kommt „Ich heiße Laure“. Schlechtes Ende Teil 2.

Fazit:
Ich mochte die Ruhe, die dieser Film ausstrahlt. Es wird nicht viel geredet, denn eigentlich gibt es nicht viel zu sagen. Das Publikum verfolgt Laure/Michael einen Sommer lang. Wie sie/er sich „als Junge“ versucht, in einer neuen und von vermeintlichem Vorwissen unbelasteten Umgebung. Wir sehen ein Kind, dass beobachtet, wie Jungen und Mädchen der Gruppe einander unterscheiden – im Aussehen und Verhalten. Wie einfach sie mit ihren Körpern leben, sich zeigen und präsentieren. Da ziehen ein paar der Jungs beim Fußballspiel einfach ihre T-Shirts über den Kopf, spucken auf den Boden und spielen weiter. Da stellen sie sich zwischendrin kurz an den Rand zum Pinkeln. Sie denken nicht darüber nach. Laure/Michael schon. Sie/Er schaut und schaut ab. Probier und testet und wird angenommen. Als Junge.
Wir sehen wie dieses Kind mit den kleinen aber feinen Situationen umgeht, die für andere so natürlich scheinen: pinkeln, baden, raufen, Freundschaften schließen. Gerade diese Momente des Schauens und Abschauens werden im Film nicht kommentiert. Und auch nicht mit hochemotionaler Musik verfälscht. Das rechne ich dem Film hoch an. Es wird nicht erklärt, ob Laure sich einfach als Michael ausprobieren will. Oder ob sie sich im falschen Körper fühlt. Es ist ein Spiel mit der Identität, umso ausdrucksstärker, weil die Frage des „Warum“ offen bleibt.

Doch das Ende stößt mir sauer auf. Mag die Regisseurin Céline Scammia auch meinen, das Ende sei offen gedacht – auf mich wirkt es wie „Schuster, bleib bei deinen Leisten“. Als würde Laure sich mit ihrem weiblichen Körper und der dazugehörigen an sie gestellten Erwartung abfinden. Zurück in die (Geschlechter)Rolle und alles wird gut.
Die Frage nach der Identität, den eigenen Vorlieben und Wünschen, wird dadurch unangenehm abgebrochen. Der Kampf um die Anerkennung als Individuum, der ebenfalls zur Identitätsbildung gehört, bleibt außen vor und blass.

Ein bisschen stereotyp. Ein bisschen heteronorm. Aber alles in allem: Sehenswert (am besten OmU, weil die sprachlichen Feinheiten im französischen Original deutlicher werden)

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4 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. Bäumchen (@baum_glueck)
    Aug 11, 2012 @ 01:59:57

    Aber genau das ist doch das Irre, dieser Schluss…
    Ich glaube,es gab einige Kinder,denen es ähnlich ging. Ich bin eingeschult worden mit kurzen Haaren. Wir mussten an dem Tag Ringelreihen oder soetwas machen und Jungs und Mädels bildeten jeweils einen Kreis. Die Mädchen ließen mich aber nicht rein (das war mitten auf der Bühne, vor dem ganzen Elternhaufen). Da rief ein Junge aus seinem Kreis:Hey, komm zu uns … und ab da an war ich einer. Auch wenn ich ein Mädchen war, ich war auch glechzeitig ein Junge. Anfangs war mir das nicht bewusst, nach und nach füllte ich es aber mit einem gewissen Stolz aus. Kleider mochte ich nicht, weil unbequem. Aber dann begann es auch,dass manches weiblich Konnotierte für mich negativ besetzt wurde. Meine erste ,,Mädchenfrisur“ habe ich beheult. Ich fühlte mich wie eine Puppe. Meine Mutter hat mich bei ihren Besuchen dann auch immer so behandelt: Immer kaufte sie mir Kleider, rosa Barbiehäuser, Schmuck. Mit dem meisten davon konnte ich nichts anfangen; Barbie aber spielte ich gern; genausp wie mit Autos und Lego und Duplo und ,,Pferdchen“ und ,,Hund“…(oder Das Schwarze Auge, aber das ist ne andere Geschichte^^)
    Die Pubertät wurde dann zum eigentlichen Horror für mich. Ich habe nie schlimm gefunden, als Mädchen bezeichnet zu werden, sondern es war schlimm, mich so objektiviert zu fühlen; angeglotzt zu werden als ich Brüste bekam. Nicht mehr schwimmen gehen zu können deswegen bzw. keine Freude mehr daran zu haben. Ich weiß noch, wie ich einmal das Wort ,,Tomboy“ bei Wikipedia fand, als ich n bisschen älter war, und damals stand da aber noch drin: Die meisten Mädchen akzeptieren zumeist ihre natürliche Geschlechtsidentität, sobald sie älter werden. Was der Rest tat, stand da nicht. Ich frag mich, was passiert wäre, wenn ich mich mit mehr Möglichkeiten gesehen hätte.
    Also, der Schluss ist scheiße, aber passt.

    Antwort

  2. Elle
    Aug 11, 2012 @ 11:56:12

    Also mir hat am Ende gefallen, wie erzählt wird, dass Laure/Michael in Lisa weiterhin eine Verbündete haben wird. Sehr tröstlich. „Ich heiße Laure“, ja, das hat mir auch einen Stich gegeben, also dieser gesellschaftliche Zwang: Definier Dich, los!, der ist einfach hammerhart, und das als Schlusspunkt zu setzen fand ich eine gute Entscheidung. „Ich heiße Michael“ hätte Laures/Michaels Verhalten eine Eindeutigkeit gegeben, die der Film ja eigentlich vermeidet; da hätte ich mich dann wiederum gefragt, ob nicht alles Vorherige anders hätte erzählt werden müssen. Hätte, hätte, hätte… ich mochte den Film sehr.

    Antwort

  3. lokisson
    Aug 11, 2012 @ 12:06:28

    Grundsätzlich schön geschrieben, aber die Kritikpunkte stoßen mir etwas sauer auf.

    Soweit ich das verstanden habe (ohne den Film gesehen zu haben) kritisierst du das Verhalten der Mutter. Das hat aber nichts mit dem Film zu tun. Wenn die Eltern diese „Neuorientierung“ begrüßen würden, fände ich Kritik gerechtfertigt, weil mir das unrealistisch erscheint. Nach deinen Beschreibungen scheint mir eine stringente Handlungslogik der Mutter gegeben.

    Des weiteren kann ich es verstehen, dass du gerne die Zelebrierung der Dekonstruktion von Geschlecht gesehen hättest. Das offene Ende erscheint mir als guter Kompromiss zwischen der Realität (s. Bäumchen) und Dekonstruktion.

    Wie gesagt, also ohne den Film gesehen zu haben. Konnte deine Kritik nur einfach nicht nachvollziehen.

    Antwort

  4. Eva Blond
    Aug 12, 2012 @ 11:33:41

    Ich fand das Ende auch schwer ertraeglich und haette mir an der Stelle mehr Unterstuetzung fuer Laure/Michael gewuenscht.
    Allerdings habe ich dann mit einigem Zaehneknirschen und nach den Diskussionnen mit meinen Kinobegleitungen gedacht, dass es wohl auch ein sinnvolles Ende fuer den Film ist. Die Zuschauer_innen sollen sich ja mit Laure/Michael identifizieren und dann eben auch am Ende mit ihr/ihm leiden. Und daraus lernen und es anders machen als die Mutter.

    Antwort

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