„Ich als Frau…

… finde dieses und jenes gut/schlecht/unangemessen/übertrieben.“

Ihr kennt das. Dieser Spruch, der vor allem fällt, wenn es um Diskriminierung und deren Bekämpfung geht. Allerdings nicht um auf sexistische Missstände hinzuweisen oder um Betroffenheit zu signalisieren. Sondern gerade andersrum, um sie zu entkräften. Weil eine* sich z.B. trotzdem vom sogenannten „generischen Maskulinum“ angesprochen fühlt. Oder vom Ansprechen/Rufen auf der Straße nicht belästigt. Oder die halbnackte Frauen*körper neben Autos/Gummistiefeln/Rasenmähern nicht stören.

Nur: Das ist kein Argument. Kein Beleg. Für gar nichts.

Welchen Gehalt hat denn diese Aussage?

Drehen wir das doch einmal um.

„Ich als Frau* fühle mich von einer männlichen Bezeichnung NICHT angesprochen! Ich hätte gerne eine, die dem Geschlecht entspricht, dem ich mich zurechne!“
„Ich als Frau* fühle mich belästigt, wenn mir fremde Menschen auf der Straße nachrufen, wie sie mich/mein Aussehen finden und was sie gern mit mir machen würden (unabhängig davon, ob es Kaffee trinken oder sexuelle Handlungen sind). Ich will auf der Straße meine Wege gehen und von anderen in Ruhe gelassen werden, solange es nicht um Notfälle, verlässliche Straßenzeitungen, die Uhrzeit oder Zigaretten geht.“
„Ich als Frau* verstehe nicht, was halbnackte Frauen*(körper) mit Autos, Gummistiefeln oder Gartengeräten zu tun haben sollen und werde sie garantiert nicht kaufen, solange die Werbung mir signalisiert, ich könne nur hübsch daneben stehen. Ich kann selbst Auto fahren; Schuhe kaufe ich danach, wie sie passen, nicht wie andere darin aussehen; ein Rasenmäher muss funktionieren, nicht attraktiv sein.“

Obwohl wir uns scheinbar mit demselben Geschlecht identifizieren, sehen Menschen, die Sätze mit sowas anfangen, Dinge ganz anders. Wieso sollte deren Stimme dann mehr Gewicht haben als meine? Wieso gilt bei denen das Geschlecht als Beleg für etwas und bei mir nicht?

Wieso spielt hier überhaupt das Geschlecht der Einzelnen* eine Rolle?

Es geht doch gar nicht um uns. Es geht um Strukturen und Machtverhältnisse.

Liebe Floskel-Verwenderin*:
Schön für dich, wenn du dich noch nie benachteiligt oder eingeschränkt gefühlt hast. Ich wünsche dir, dass dir das auch nie widerfährt.
Aber es geht eben nicht nur um dich und deine Sichtweise. Oder mich und meine.
Es geht darum, dass es Strukturen gibt, die bestimmte Gruppen von Menschen systematisch schlechter stellen als andere. In den oben genannten Beispielen etwa um:

  • die Unsichtbarkeit in der sprachlichen Transportierung durch Nichtnutzung des vorhandenen weiblichen Sprachgeschlechts
  • um weiblich gesehene Körper als Verkaufsanreiz für Sachen, die nichts mit diesen direkt zu tun haben (nächste Ebene dann die Sexualisierung dieser Körper, sollte das zu verkaufende Etwas doch direkt mit dem weiblichen* Körper zu tun haben)
  • um „Reviermarkierung“, externe Bewertung von weiblichen* Körpern und die Sicht, dass diese anderen zur Verfügung zu stehen haben

DAS ist es (unter anderem), was ich kritisiere.

DAS ist es, was ich ändern will.

Und zwar unabhängig davon, ob es mich selbst betrifft. Ich sehe diese Ungerechtigkeit und versuche Bewusstsein dafür und Veränderung dagegen zu schaffen/verbreiten. Ich muss nicht jede Form der Gewalt und Benachteiligung selbst erlebt haben, um sie schlecht zu finden. Du aber auch nicht.

Mir ist ehrlich gesagt egal, ob du die Welt genauso siehst wie ich. Ich rechne nicht damit. Wenn wir eine Meinungsverschiedenheit haben, können wir das gern anhand von Daten und Fakten besprechen. Aber lass dein Geschlecht aus dem Spiel. Das du manche Benachteiligungen noch nicht selbst erlebt hast, obwohl du Merkmale hast, die die zur schlechter gestellten Gruppe zählen würden, heißt nicht, dass es diese Strukturen dahinter nicht gibt. Selbst nicht erlebt haben, ist allerhöchstens ein Beleg dafür, dass du Glück hattest. Oder ausgleichende Faktoren. Für nichts weiter!

 

Obige Ausführung gilt auch für Aussagen wie „Ich habe eine*n Freun*in / Bekannte*n, der_die_das ist weiblich* / People of Color / homosexuell / trans* / gehört einer Religion an / ist soundso alt und den_die_das stört das nicht“.

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12 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. FibrePiratess
    Aug 31, 2012 @ 22:31:56

    Vielen Dank, dass du das mal gesagt hast. Jetzt muss ich mich nicht immer wiederholen, sondern verweise einfach auf dich 🙂

    Viele Grüße,
    FP

    Antwort

  2. marenleinchen
    Aug 31, 2012 @ 22:42:28

    Also ich als Frau finde den Artikel ja gelungen. 🙂

    Antwort

  3. franca
    Aug 31, 2012 @ 23:24:08

    kurz und bündig alles erklärt und gesagt, was es dazu zu sagen gibt. danke dafür!

    Antwort

  4. einMann
    Sep 01, 2012 @ 00:04:53

    Ich als Man verstehe nicht was Michael Ballack als MANN mit einem Online-Reisebuero zu tun hat: https://secure.flickr.com/photos/unister/3697934600/ So bloed wie der ist benutze ich besser ein anderes.

    Ich als Mann fühle mich belästigt von Arnold Schwarzenegger, Jean-Claude van Damme, Chuck Norris etc. und dem dazugehoerigen Medien-Bild vom Mann. Ich mag keine Waffen, brauche keine glaenzenden Muskeln und muss auch niemandem Knochen brechen oder lebensgefaehrliche Stunts vorfuehren.

    Ich als Mann fühle mich belästigt vom Sportprogramm in Film, Funk und Fernsehen sowie Zeitungen. Was juckt mich welche 11 Idioten am besten dem Ball hinterhergelaufen sind? Ich identifiziere mich weder mit regionalen noch nationalen Mannschaften. Ich brauche auch nicht sehen wer am schnellsten rennt, springt, schwimmt, radelt oder huepft.

    Ich bestreite als Mann nichts, was in diesem Artikel beschrieben wird. Aber es gilt andersherum genauso fuer Maenner. Ich will als Mann auch nicht von aussen in Schubladen gesteckt werden, die sich im wesentlichen auf dem Geschlecht oder dem gesellschaftlichen Bild davon basieren.

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Sep 01, 2012 @ 11:40:59

      @einMann
      Genau, dass der Verweis auf das eigene Geschlecht kein Beleg für irgendwas ist, gilt auch für Männer*. Zeigst du sehr schön mit deinem Kommentar.

      Antwort

  5. magda
    Sep 01, 2012 @ 00:44:01

    toll! danke für diesen wunderbaren text!

    Antwort

  6. Trackback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Unbequem und solidarisch bleiben – die Blogschau
  7. Karla_Anna
    Sep 01, 2012 @ 17:56:16

    „Aber lass dein Geschlecht aus dem Spiel.“

    Du kannst aber nicht beides haben: dass das Geschlecht überall keine Rolle spielt, in der Sprache hingegen schon.

    Antwort

  8. Renée
    Sep 01, 2012 @ 22:05:22

    Wow!
    Vielen Dank für dieses sehr gelungene Auf-Den-Punkt-Bringen von diesem weitverbreiteten, unglaublich nervigen Sachverhalt! Ich habe mich sonst von diesem „Ich als Frau..“-Phänomen immer sehr vor den Kopf gestoßen und ausgebremst gefühlt. Jetzt hast du mir grade den nächsten Schritt aufgezeigt. Yeah, vielen Dank dafür!

    Antwort

  9. Sustain Of Silence
    Sep 02, 2012 @ 13:37:24

    Endlich schafft es jemand meine Gedanken in klare Worte zu fassen. Vielen Dank! ^^

    Antwort

  10. Trackback: Weihnachtstreffen 2012 in Brühl « Kegelklub Düren

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