Feministischer Beziehungsalltag

Ist es eine Kunst, eine feministische, gleichberechtigte Beziehung/Partner*innenschaft zu führen? Ist es schwer? Ist es möglich?

Ich weiß, dass es möglich ist. Und nicht schwerer als Partner*innenschaften allgemein. Der Mensch an meiner Seite und ich haben eine, seit über sieben Jahren. Ein Ende ist nicht in Sicht.

Kurz zu uns
Wir leben derzeit in einer Partner*innenschaft mit insgesamt zwei Personen, eine davon cisweiblich und eine cismännlich. Zufällig heterosexuell. Bewusst monogam. Wir teilen uns seit bald drei Jahren einen Haushalt, möglichst gleichwertig, wünschen uns in näherer Zukunft Kinder und schließen in fernerer Zukunft eine Eheschließung nicht aus.
Derzeit studieren und arbeiten beide beteiligten Personen, sind parteipolitisch engagiert und ich zudem noch in diversen feministischen Gruppen aktiv.

Macht allein diese Einstellung und das Engagement unser Miteinander feministisch, gleichberechtigt?
Nein. Aber sie hilft dabei.

Gleichberechtigte Partner*innen
Wir nehmen uns Zeit füreinander. Zum Beispiel führten wir im ersten Jahr, in dem wir zusammenzogen, regelmäßig Beziehungsgespräche nach einer Methode aus der Paartherapie. Die in etwa so funktioniert: An einem fixen Termin, der idealerweise jede Woche am selben Tag und zur selben Zeit stattfindet, nimmt sich ein Paar eine Stunde Zeit. In dieser Zeit darf nichts nebenher laufen, kein Fernseher, kein Radio, keine Musik, keine Haushaltstätigkeiten, kein Telefon oder Internet. Nur zwei Menschen, die sich eine Stunde Zeit füreinander nehmen. Wir haben dafür immer die Küchenuhr gestellt. Dann wird die Stunde in drei Teile von etwa 20 Minuten unterteilt. Die ersten 20 Minuten redet eine Person von dem, wie sie die vergangene Woche die Beziehung erlebt hat. Was gut war, was weniger gut war, wie welche Situation gewirkt hat und was sie bei einer*m selbst ausgelöst hat. Die andere Person hört nur zu. Das klingt einfacher als es ist, denn oft möchte der/die andere dann nachfragen, erwidern, „korrigieren“. Das sollte aber alles ausbleiben. Zudem ist eine alleinige Reflexion über 20 Minuten lang auch etwas, das nicht einfach so kommt. Danach wird gewechselt und die andere Person spricht über ihre Sicht der Beziehung und Situationen. Nicht als reine Erwiderung, sondern wieder darauf bezogen, was gut, weniger gut war, wie bestimmte Situationen gewirkt haben. Und die erste Person hört wieder nur zu. In den letzten 20 Minuten werden die angesprochenen Punkte gemeinsam diskutiert. Wie können unklare/strittige Situationen verbessert werden, was braucht es, damit beide sich angenommen und wohl fühlen, was kann ich geben, was bekommen, wo liegen die Grenzen.

Im Rahmen dieser Gespräche entstand zum Beispiel unser Haushaltsplan. Wie in diesem und jenem Blogeintrag bereits beschrieben, versuchen wir uns die Haushaltstätigkeiten möglichst gleich (im Sinne von gleich viel an Zeitaufwand) zu teilen.
Was wir sonst so besprochen haben, sind gemeinsame Zeiten. In denen wir nicht nur beide in einem Raum sitzen und auf unsere jeweiligen Computer schauen. Sondern z.B. Essen gehen, ins Kino oder einen Abend lang irgendwas spielen. Da uns gemeinsame Abende nicht reichten, beschlossen wir uns alle paar Wochen einen ganzen Tag nur füreinander „freizunehmen“. Für längere Ausflüge oder wie gestern, als wir uns Essen kommen ließen und die „Nightmare on Elm Street“-Reihe gesehen haben. Diese Stunde ist auch ein Ort, in dem wir Konflikte ansprechen. Zum Beispiel als ich einmal in einer stressigen Zeit war und ihm gegenüber eher ruppig. Oder wir nutzten die Zeit, uns gegenseitig an diverse Haushaltsdienste und deren Ausführung zu erinnern, die entgegen der Abmachung noch nicht oder für eine Person unzureichend erledigt wurden. Mehr als einmal haben wir besprochen, ob und unter welchen Bedingungen in der Wohnung geraucht werden darf. Das sind alles Themen, die in diesem Beziehungsgespräch Raum haben und nicht nebenher laufen sollten.

Ich habe diese Methode aus einem Seminar meines vorherigen Studiums mitgenommen und fand sie super. Gerade in dieser Umbruchsituation hat sie uns einen Halt gegeben. Es musste sich ja so viel erst entwickeln, so vieles das unausgesprochen bleibt, wenn Menschen aus verschiedenen Hintergründen einen großen Teil ihres Alltags miteinander verbringen.

In den letzten Wochen und Monaten haben diese Gespräche leider abgenommen. Keine Zeit, keine Energie, keine Nerven, kein Bedarf. Wobei der Bedarf nicht ausschlaggebend ist bzw. sein sollte. Diese Methode wirkt auch vorbeugend sehr gut. Wir haben beide dadurch gelernt, Sachen, die uns weniger gefallen, gleich anzusprechen. Manchmal ist selbst eine Woche zu lang und anstrengend, Unstimmigkeiten mit sich herum zu tragen. Es hilft allgemein, einen Raum zu haben, in dem Probleme im Ansatz erkannt werden und angesprochen werden können, bevor sie wirklich problematisch werden.

Erste Grundlage dieser Partner*innenschaft ist also: reden, reden, reden. Sachen gleich ansprechen (gute wie weniger gute), nachfragen, vergewissern, reflektieren, bitten, danken, wertschätzen.
Zweite Grundlage dieser Partner*innenschaft ist: ernst nehmen. Das Gesagte, das Gute, das weniger Gute. Konsens bei allem, was wir tun. Deswegen müssen wir nicht alles voneinander wissen oder uns bei allen Aktivitäten erst absprechen. Wenn ich mit Freund*innen etwas unternehmen will, dann tue ich das und sage Bescheid, wenn es länger werden könnte. Ich frage nicht. Er macht das genauso.
Andersherum lehne ich auch mal Ausgeh-Angebote ab, wenn etwas Gemeinsames geplant ist.
Absprache ist Absprache.
Und ja, diese Konsensorientierung gilt auch und erst Recht für das Sexualleben. Wer nicht möchte, muss nicht. Wir haben beide gesunde Hände oder diverses Spielzeug. Dieses nicht-müssen heißt manchmal eben auch, dass wir mittendrin aufhören/unterbrechen, wenn es einer*m von uns damit nicht mehr gut geht. Was hätten wir auch davon, die eigenen Orgasmen um jeden Preis zu erzwingen? Orgasmen können wir auch allein, beim Sex miteinander geht es um mehr. Um die gemeinsame Lust, die fehlt, wenn es einer*m von uns keine Freude mehr macht. Ganz einfach.

Ich würde daher sagen, diese Partner*innenschaft ist so gleichberechtigt, wie es eben geht. Zu einer feministischen Partner*innenschaft gehört in meinen Augen aber mehr als das.

Feministische Partner*innenschaft
Beziehungen zwischen Menschen sind nicht abgetrennt von gesellschaftlichen Strukturen. Wir wissen das. Und wir wissen um unsere Privilegien als heterosexuell lebendes Paar mit akademischem Hintergrund. Wir wissen um familienpolitische Rahmen und finanzielle Lenkungen.
Feministisch ist eine Beziehung/Partner*innenschaft, wenn sie sich der sie umgebenden Machtverhältnisse bewusst ist und Ungleichgewichte/Ungerechtigkeiten bekämpft.
Wir legten bei jedem Umzug Wert darauf, dass wir beide im Mietvertrag stehen. Wir legen Wert darauf, dass wir beide etwa gleich viel für die Wohnung/das Leben darin zahlen. Das kann auch mal ungleicher ausfallen in besonderen Situationen wie Arbeitslosigkeit oder finanziellen Engpässen aber ist keine dauerhafte Möglichkeit. Weder möchte ich mich von ihm „aushalten“ lassen (gesellschaftlich anerkannte und strukturell geförderte Variante) noch möchte ich für alles zahlen. Wir führen Buch darüber.
Das ist natürlich nicht einfach, da bereits hier die gesellschaftlichen Rahmen eine Rolle spielen. Ich hatte weder große finanzielle Mittel noch ein Elternhaus, das mich in der Hinsicht groß unterstützen konnte. Ich sparte, wo ich konnte und steckte dieses in Führerschein, Wohnen, Uni, Fernbeziehung, Fernfreundschaften. Er kommt auch nicht von unbedingt reichen Eltern aber sein Hintergrund war schon sicherer als meiner. Wie es mit der geschlechtsspezifischen Bezahlung unserer Arbeiten aussieht, wird sich noch zeigen. Da wir beide im Sozialbereich tätig sind, sind die Unterschiede da noch nicht so groß und unterscheiden sich eher nach Anstellungsverhältnis (befristete Arbeitsverträge vs. unbefristete Verträge als freie Dienstnehmer*innen, Anrechnung von Studien/Praktika/Vorarbeitszeiten etc.). Mal verdiente ich mehr, mal er. Das hält sich noch relativ die Waage, ist aber nie so, dass ich sagen würde, dass es sicher und gut ist. Ich würde es als „bescheidenen Lebensstil“ bezeichnen, den wir uns derzeit aufgebaut haben. Knapp über der Armutsgrenze.
Ein befreundetes Paar hat ein gemeinsames Konto zusätzlich zu den je persönlichen, auf das beide jeden Monat einen bestimmten Betrag einzahlen und von dem der gemeinsame Haushalt (Miete, Strom, Wärme, Essen…) getragen wird. Wir überlegen, ob das auch für uns eine gute Idee ist.

Feministisch und kritisch wird es auch im Umgang mit anderen Menschen. Wir sind außerhalb unserer Beziehung eher zurückhaltend, was die Inszenierung als Paar angeht. Klar halten wir uns auch hin und wieder an den Händen, aber wir müssen nicht ständig „rumheten“ (wie es in manchen Kreisen genannt wird und worunter ich rumknutschen, ständig in der „wir“-Form reden, öffentliches Gefummel, „mein Schatz“ oder die Ansprache mit Kosenamen verstehe). Wir sind einander sicher genug, um es nicht ständig „beweisen“ zu müssen. Wir haben viele gemeinsame Freund*innen aber auch welche, die die andere Person nur flüchtig und vom Hörensagen kennt.
Und das ist gut so.
Wir sind nicht aneinander geschweißt. Wir nehmen und geben uns den Freiraum, den wir brauchen. Mir ist es außerdem wichtig, diesen Freiraum auch gegenüber Partner*innen meiner Freundinnen zu leben. Soll heißen, ich versuche nach Möglichkeit eine eigenständige Beziehung zu den jeweiligen Menschen aufzubauen und sie nicht nur als „Partner*in von“ wahrzunehmen. Das gelingt mir je nach Mensch mal besser oder schlechter.

Was das Bewusstsein zu Machtstrukturen angeht, setzen der Mensch an meiner Seite und ich uns dafür ein, dass auch andere den gesetzlichen und gesellschaftlichen Freiraum bekommen, den sie verdienen. Ehe öffnen für die, die es wollen? – Unbedingt! Parallel dazu alternative Formen der gegenseitigen Verantwortung füreinander überlegen? – Sicher! Kinder sollen alle bekommen, die möchten. Und keine*r, der/die nicht möchte. Pro Choice! Gegen physische und/oder psychische Gewalt als Mittel der Beziehungsgestaltung! Für die körperliche Selbstbestimmung aller! Gegen Sexismus, Rassismus, Homo-/Transphobie, Xenophobie, religiöse Missionierung oder Abwertung.

Eine feministische Partner*innenschaft kennzeichnet sich dadurch, wie sie nach außen wirkt, wie sie um ihre Rahmen und Regulationen weiß und sie bekämpft, sofern sie Ungleichheit fördern. Sonst ist sie keine!

Und ihr so? Wie lebt ihr? Wie gestaltet ihr eure Beziehung(en)/Partner*innenschaften?

 

PS: Da ich hier nicht nur über mich schreibe, ließ ich diesen Beitrag vom Menschen an meiner Seite gegenlesen und er ist mit den darin genannten Inhalten und ihrer Ausführlichkeit einverstanden.

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29 Kommentare (+deinen hinzufügen?)

  1. haiwen
    Nov 03, 2012 @ 01:25:44

    Da gibt es gerade so viele Denkanstöße aber einen trage ich schon seit Jahren mit mir herum.

    Zweite Grundlage dieser Partner*innenschaft ist: ernst nehmen. Das Gesagte, das Gute, das weniger Gute. Konsens bei allem, was wir tun. Deswegen müssen wir nicht alles voneinander wissen oder uns bei allen Aktivitäten erst absprechen. Wenn ich mit Freund*innen etwas unternehmen will, dann tue ich das und sage Bescheid, wenn es länger werden könnte. Ich frage nicht. Er macht das genauso. Andersherum lehne ich auch mal Ausgeh-Angebote ab, wenn etwas Gemeinsames geplant ist.

    Das habe ich immer als „Standard“ gesehen. Sich absprechen, aber keine Genehmigung einholen müssen. Bis ich in einer Beziehung war, in der mir das Gegenteil aufgezwungen wurde. Anrufe „ich würde gerne länger auf dieser Party bleiben, ist das ok?“ Da lief sowieso einiges schief, aber da wurde ich gerade wieder dran erinnert.

    Ich glaube, das spielt auch in das „Wir sind einander sicher genug, um es nicht ständig “beweisen” zu müssen.“ mit rein, Vertrauen und auch Vorstellungen, wie Beziehungen zu funktionieren haben. Kompliziert, kompliziert.

    Antwort

  2. inneres Stimmchen
    Nov 03, 2012 @ 12:59:13

    Es nennt sich ja Be-zieh-ung, nicht wahr? Ich erlebe viele (gesunde im Sinne von ausgeglichen) Beziehungen, bei denen alle Balance, gegenseitige An(teil)nahme und aller Respekt vorallem auf vielen mehr oder weniger großen „Tauziehen-Wettbewerben“ basiert. Nie schmerzhaft belegt- es gibt nie „den Gewinner“ und „den Verlierer“ aber beide Seiten haben genug „Seil in der Hand“ um sich an ihren Partner zu binden bzw. an ihm Halt zu erfahren.
    Sowas halte ich für das, was noch mit am erstrebenswertesten sein sollte

    by the way: schönes Blog 🙂

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Nov 03, 2012 @ 13:26:12

      @inneres Stimmchen
      Ich finde das Bild mit dem Seil eher bedrohlich, muss ich sagen. Sprachlich gesehen heißt es zwar „eine Bindung zueinander zu haben“ aber deswegen kann ich doch nicht die andere Person an mich binden. Wenn sie nicht mehr will oder ich. Oder sie in eine Richtung ziehen, die mir besser passt.

      Wenn, dann würde ich sagen, geht es um (min.) zwei Menschen, die bereit sind, einen Teil ihres Lebensweges nebeneinander zu gehen. Nicht an entgegengesetzten Enden. Es geht darum, in die selbe oder eine ähnliche Richtung zu schauen und sich gemeinsam zu entwickeln. Das kann dann auch auseinander gehen, wenn die Richtung für die Beteiligten eine unterschiedliche ist. Das ist eher das, was ich für erstrebenswert halte.

      Antwort

      • inneres Stimmchen
        Nov 03, 2012 @ 20:01:44

        scheint als hätte ich das Seil näher definieren müssen 😉
        Ich nah es als Bild einer Ver-bindung- nicht als fesselndes oder gar entgegen gesetzt gerichtete Motivationen Element – so gesehen haben Sie natürlich Recht 🙂

  3. Kai Nehm
    Nov 03, 2012 @ 15:40:13

    „Wir leben derzeit in einer Partner*innenschaft mit insgesamt zwei Personen, eine davon cisweiblich und eine cismännlich. Zufällig heterosexuell. Bewusst monogam.“ – das eine normale Beziehung zu nennen wäre heteronormativ?

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Nov 03, 2012 @ 19:43:20

      @Kai Nehm

      das eine normale Beziehung zu nennen wäre heteronormativ?

      Ist die Frage ernst gemeint?
      Heterosexuelle Partner*innenschaften zwischen zwei Personen mögen die Mehrheit der bekannten Formen darstellen. Normal im Sinne von moralisch unbedenklich sind alle, die auf Freiwilligkeit aller Beteiligten beruhen. Seien sie zwischen Menschen „gleicher“ cisgeschlechtlicher Identität, transgeschlechtlicher Identität, queeren Menschen, mehr als zwei Personen, solche die gemeinsame Sexualität beinhalten oder auch nicht. Die Gestaltung einer Beziehung obliegt den beteiligten Personen und solange sie allen gut tut, ist das „normal“.
      Wenn heterosexuelle Partner*innenschaften zwischen zwei Personen die einzig angesehende Form sein sollen, dann ist das natürlich heteronormativ und wertet alle anderen Formen der Beziehungsgegestaltung ab.

      Antwort

      • Kai Nehm
        Nov 04, 2012 @ 13:19:53

        Drei Zeilen muss man dechiffrieren um zu merken, dass das CSU Familienidyll beschrieben wird. Man könnte auch langweiliger Standard sagen, das wertet dann alle anderen Entwürfe nicht ab.

        Wobei mich der Punkt „Bewusst monogam“ am meisten schockiert hat. Es suggeriert, dass mensch in einer Beziehung für diesen Zustand initial argumentieren und einen Konsens erzielen muss. Manchmal hat eine normative Erwartung auch Vorteile, nannte man mal Anstand.

  4. Robin Urban
    Nov 03, 2012 @ 17:28:53

    Grundsätzlich finde ich es ja gut, sich Ausgaben etc. zu teilen. Doch was tut man, wenn man zufälligerweise nicht im gleichen Bereich arbeitet und annähernd gleich viel verdient? Und das auch nicht nur temporär, sondern auf Dauer?

    Als ich noch mit meinem Ex zusammen war, habe ich mir Gedanken darüber gemacht, wie wir es regeln würden, wenn wir beide im Beruf stehen und mal Kinder bekommen. Für mich war eigentlich klar, dass er die Elternzeit nimmt. Einfach nur, weil ich 1. doppelt so viel verdienen würde wie er, 2. ich einen großen Teil meiner Arbeit nach Hause verlagern kann und daher meine Kinder weitaus öfter sehen und mich um sie kümmern könnte wie er, wenn es andersrum wäre und er 3. zugegebenermaßen einfach einen Beruf hat, der sowohl psychisch als auch physisch weitaus anstrengender ist als der, den ich nach Beendigung meines Studiums mal ergreifen werde, zumal er auch von Wechselschichten, Wochenendschichten etc. betroffen ist.

    Wie regelt man sowas?

    Im Übrigen sehe ich es irgendwo nicht ein, nicht „herumheten“ zu dürfen, wenn ich gerade Lust drauf habe. Wenn ich mit meinem jetzigen Freund auf einer Party bin und wir uns mit unterschiedlichen Leuten unterhalten, dann möchte ich manchmal einfach hingehen und kurz die Arme um ihn legen dürfen. Einfach, weil ich gut drauf bin, Spaß habe und gerade das Bedürfnis dazu habe, ihm zu zeigen, wie sehr es mir mit ihm gefällt. Und umgekehrt geht es genauso. Ich wüsste nicht, warum wir das ändern sollten.

    Antwort

    • haiwen
      Nov 03, 2012 @ 21:15:19

      Im Übrigen sehe ich es irgendwo nicht ein, nicht “herumheten” zu dürfen, wenn ich gerade Lust drauf habe.

      Ich frage mich ja immer noch wo die „HIER NICHT RUMHETEN“-Polizei ist. Alleine einmal anzumerken, dass heterosexuelle Paare offen ihre Beziehung ausleben (können), führt irgendwie immer zu „warum wollt ihr mir das verbieten“. Darum geht es nicht, sondern wenigstens einmal sich KLARZUMACHEN dass es eben ein Privileg ist.

      Ich habe das schon mal in einem Labor erlebt. Ein Kollege, der mit einer Kollegin zusammen war und mit ihr öfter „rumhetete“, fand homosexuell sein zwar ok, aber nur so lange es eben nicht „allzu offensichtlich“ ist.

      Antwort

      • Robin Urban
        Nov 04, 2012 @ 05:46:55

        Allein schon dass du glaubst, so „herumschreien“ zu müssen, empfinde ich als beleidigend.

        Wo habe ich denn geschrieben, dass ich homosexuellen oder sonstigen Pärchen in irgendeiner Form ihre Zärtlichkeiten abspreche?

        Mir ist sehr wohl bewusst, dass ich im Gegensatz zu vielen anderen Pärchen meine Liebe wohlwollend inszenieren kann. Nur, ändert das irgendwas an meinem Empfinden?

        Der Mitbewohner meines Freundes ist schwul. Er hat nen Freund und hat gerade heute abend viel mit ihm gebusselt. Der einzige Gedanke, der mir dabei kommt, ist: „Süß! Mehr davon!“ Mir doch egal, was irgendein Kollege von dir von sowas hält. Das betrifft mich in meiner Einstellung in keinster Weise und ich weiß wirklich nicht, warum du glaubst, das überhaupt erwähnen zu müssen. Dass es Menschen gibt, die homophob sind, ist ja immerhin nichts, was man mir erklären muss, das weiß ich selber. Und wegen solchen Leuten ändere ich sicher nicht dem Umgang mit meinem Freund.

    • Khaos.Kind
      Nov 03, 2012 @ 22:58:09

      @Robin Urban
      Wie ein Paar es regelt und was sie darunter verstehen, die Ausgaben gleich zu teilen, müssen sie selbst entscheiden.
      Ich kann ja niemandem vorschreiben, wie es sein sollte und nur begrenzt aus eigener Erfahrung erzählen. Als der Mensch an meiner Seite ein paar Monate arbeitslos war, habe ich die Miete übernommen, die aufgrund unseres sowieso geringen Einkommens etwas mehr als die Hälfte ausmacht. Er zahlte in der Zeit die Energie- und Lebenshaltungskosten. Eine Zeit lang haben wir uns pro Monat abgewechselt, wer Miete und den Rest zahlt.
      Das kommt doch immer darauf an, wie hoch das Einkommen eines Haushalts ist und woraus es besteht. Es ist in meinen Augen durchaus möglich, dass das Einverdiener*innenmodell eine freie Entscheidung und daher gleichberechtigt sein kann. Aber sowas muss abgesprochen werden, unter welchen Bedingungen alle Beteiligten damit einverstanden sind.
      Mit Kindern ist die gleiche Aufteilung von wasauchimmer sicher komplizierter. Mindestens dadurch, dass die gebährende Person zwangweise eine Zeit lang beruflich aussetzen muss und je nach Erwerbsarbeitsverhältnis eventuelle Einnahmenseinbußen hat (selbstständige oder freie Dienstnehmer*innen z.B.). Sollte ich mal Kinder haben, kann ich gern darüber berichten, wie wir es dann regeln. Bis dahin kann ich nur mutmaßen und auf Berichte anderer Menschen mit Kindern hoffen.

      Wie haiwen bereits angesprochen hat, von „nicht rumheten dürfen“ habe ich nichts geschrieben. Es ging mir mehr um ein Bewusstsein darüber, dass von Außenstehenden das halb/öffentliche „rummachen“ je nach Beziehungskonstellation unterschiedlich gewertet wird. Heterosexuelle Pärchen werden (je nach Ausmaß) toleriert und akzeptiert, während auf homosexuelle, queere oder mehrpersonen-Partner*innenschaften in der Regel abwertend, belästigend, übergriffig oder auch sensationsheischend reagiert wird. Ihnen wird es schwerer gemacht, ihre Gefühle öffentlich zu zeigen, auch wenn es dieselben sind, die deinen jetzigen Freund und dich erfüllen.
      Es geht dabei um Sensibilität und je nach Situation Rücksichtnahme, nicht um Verbote.

      Antwort

      • Emmi
        Nov 09, 2012 @ 17:45:54

        Hmm ich verstehe, dass es dir um das Bewusstsein geht, „dass von Außenstehenden das halb/öffentliche “rummachen” je nach Beziehungskonstellation unterschiedlich gewertet wird“ und zweifele das auch gar nicht an. Trotzdem finde ich den Begriff „rumheten“ einfach nicht passend, da er für mich in diesem Zusammenhang einen negativen Beigeschmack hat.

        Außerdem finde ich es schwierig zu sagen, dass ihr euch einander sicher genug seid, um euch nicht ständig anfassen, und um es damit irgendwie beweisen zu müssen.
        In meinen Augen hat das jedoch gar nichts miteinander zu tun. Jeder Mensch hat ein eigenens Bedürfnis nach Nähe und da gibt es nun mal manche, die ständig Körperkontakt brauchen und andere, die dieses Bedürfnis nicht haben. dass diese Menschen sich dadurch ständig einander beweisen müssen, wäre mir so gar nicht in den Sinn gekommen.

        Grundsätzlich finde ich deinen Artikel sehr gelungen. Ich hatte dir ja schon auf Twitter geschrieben, dass mich der Artikel sehr zum Nachdenken angeregt hat und ich neuen Input bekommen habe. Danke.

  5. Lena Schimmel
    Nov 03, 2012 @ 17:38:21

    Ok, ich hatte gestern beim Lesen schon ein paar Gedanken, aber wurde ja heute nochmal ermutigt, die auch aufzuschreiben:

    Ich finde es sehr wissenswert, dass es solche Beziehungen gibt. Mir war in der frühen Jugend schon sehr wichtig, später einmal eine gleichberechtigte Beziehung zu haben, und ich habe über die Jahre mehrfach daran gezweifelt, ob das zwischen verschiedengeschlechtlichen Menschen überhaupt möglich ist. Inzwischen hatte ich selbst Erfahrungen damit, aber dazu weiter unten mehr.

    Ich bin noch unsicher, was ich von der Konkretisierung „eine davon cisweiblich und eine cismännlich“ halte. Auch wenn ich derzeit mit meiner Transsexualität offen umgehe und kein Problem damit habe, mich als „transweiblich“ zu bezeichnen, werde ich wohl irgendwann den Punkt erreichen, wo das für mich nicht mehr so wichtig ist und ich einfach nur noch „weiblich“ schreiben würde – was ich auch jetzt in vielen Zusammenhängen schon tu. Das hat aber noch eine Frage aufgeworfen: wie würde ich denn meine vorherige Beziehung nun beschreiben, bzw. mein Geschlecht zu dem Zeitpunkt? Damals habe ich noch in der mir zugewiesenen, männlichen Rolle gelebt, wenn auch mit einigem Unbehagen. Ich finde, da passt weder „cismännlich“ noch „transweiblich“ als Selbstbeschreibung, andere Worte fehlen mir aber auch. Ich glaube, meine damalige Partnerin tut sich mit solchen Kategorisierungen schwer. Sagen wir einfach mal, ich wurde damals männlich gelesen und sie weiblich.

    Vielleicht wäre es zur Beschreibung meiner damaligen Beziehung auch einfach ok, gar nichts zu unseren Geschlechtern zu sagen, denn Ungleichheiten in unserer Beziehung basierten wohl nicht auf unserem körperlichen/zugewiesenen/gefühlten/gelebten Geschlecht, sondern einfach in allgemeinen charakterlichen Unterschieden. Wenn eine Person sehr gerne das Haus verlässt und die andere es eher als Qual empfindet, dann lassen sich Aufgaben wie z.B. den Einkauf zu erledigen nicht mehr in jeder Hinsicht „gleichberechtigt“ aufteilen. Da halte ich es dann einerseits für selbstverständlich, dass die Person, die das eh gerne tut, das übernimmt, aber andererseits sollte es dann schon irgendeinen Ausgleich geben. Und da fangen die Probleme dann an… und wie gesagt, geschlechterbasierte Ungleichheiten gab es bei uns wenig, bzw. wenn, dann oft genau entgegengesetzt zur stereotypischen Zuordnung. „Bei uns ins das andersrum“ war unser Beziehungsmotto, das wir nach innen und außen gelebt haben.

    Was die Inszenierung als Paar angeht, das haben wir sehr ausgiebig zelebriert, waren also ein Musterbeispiel an ständigem „rumheten“. Das haben wir damals kein bisschen kritisch gesehen, und auch wenn ich inzwischen weiß, wo die Problematik darin liegt, tu ich mich nach wie vor schwer damit, das auch zu verinnerlichen. Vielleicht ist das etwas naiv, aber ich sage mir: wären wir damals ein lesbisches oder ein schwules paar gewesen, hätten wir doch das gleiche gemacht (nur dass es dann nicht „rumheten“ hieße, oder?). Das ist natürlich nur Theorie, in der Praxis hätte es vielleicht Reaktionen gegeben, die uns das recht schnell ausgetrieben hätten.

    Alles das, was unsere Beziehung damals in den Grundzügen „feministisch“ wirken ließ, war aber sehr unbewusst bzw. auf unseren ganz eigenen Gedanken, Gefühlen und Bedürfnissen aufgebaut. Mit feministischen Theorien und Begriffen hatte keine von uns sich damals explizit befasst und wir haben beide eine Menge Dinge getan, die ich aus heutiger Überzeugung ganz und gar nicht mehr gutheißen kann (was ich aber gerade nicht konkretisieren möchte). Gescheitert ist es aber letzlich nicht an jenen Dingen, sondern am Plötzlichen „die Liebe ist weg“.

    Meine Erwartung an eine Beziehung ist aber auch nicht primär, dass sie möglichst lange halten soll, sondern dass sie für die Zeit, die sie andauert, möglichst schön sein soll. Das heißt, für künftige Partnerschaften lege ich noch mehr als zuvor Wert auf Gleichberechtigung und wahrung der Individualität. Und da kann mir deine Beschreibung als sehr gutes Vorbild dienen, in diesem Sinne: Danke!

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Nov 20, 2012 @ 18:52:23

      @Lena Schimmel
      Ich habe über diesen Absatz die letzten Tage nachgedacht und nun endlich einen Weg gefunden, wie ich darauf antworten möchte. 🙂

      Ich bin noch unsicher, was ich von der Konkretisierung “eine davon cisweiblich und eine cismännlich” halte. Auch wenn ich derzeit mit meiner Transsexualität offen umgehe und kein Problem damit habe, mich als “transweiblich” zu bezeichnen, werde ich wohl irgendwann den Punkt erreichen, wo das für mich nicht mehr so wichtig ist und ich einfach nur noch “weiblich” schreiben würde – was ich auch jetzt in vielen Zusammenhängen schon tu. Das hat aber noch eine Frage aufgeworfen: wie würde ich denn meine vorherige Beziehung nun beschreiben, bzw. mein Geschlecht zu dem Zeitpunkt? Damals habe ich noch in der mir zugewiesenen, männlichen Rolle gelebt, wenn auch mit einigem Unbehagen. Ich finde, da passt weder “cismännlich” noch “transweiblich” als Selbstbeschreibung, andere Worte fehlen mir aber auch. Ich glaube, meine damalige Partnerin tut sich mit solchen Kategorisierungen schwer. Sagen wir einfach mal, ich wurde damals männlich gelesen und sie weiblich.

      Die Betonung des „cissexuellen“ im Text oben ist ja bewusst gewählt und sollte der Vereindeutigung dienen. Als Mensch, die sich in dem Geschlecht eingerichtet hat und wohl fühlt, dass ihr zugewiesen wurde, denke ich, ist es ein anderer Weg dahin zu kommen, wo ich jetzt stehe, als wäre dem nicht so. Bei mir wurde viel nicht in Frage gestellt, mit dem du wahrscheinlich zu kämpfen hattest. Und auch ich habe es lange nicht in Frage gestellt. Oder meine Partner*. Die Benennung dessen diente mehr der Reflexion und Darstellung, dass ich mir jetzt darüber Gedanken gemacht habe und weiß, dass mein Lebensweg nicht auf alle Menschen zutrifft oder gar treffen kann.
      Im Alltag verwende ich den Begriff nicht und wüsste ehrlich gesagt nicht, ob und wie ich reagieren würde, wenn andere sich als „cisweiblich/cismännlich“ oder „Transfrau/Transmann“ vorstellen würden. Wenn Menschen sich mehr oder weniger einem Geschlecht zugehörig fühlen, dann fände ich auch den Bezug auf „weiblich/männlich“ passender. Wie der Weg dahin war, ist ja im direkten Gegenüber erst mal nicht so wichtig. Also damit meine ich, dass du ja auch nicht in jedem Gespräch über Transidentitäten reden möchtest (nehm ich an), jedenfalls möchte ich nicht in jedem Gespräch über meine Geschlechtsidentität sprechen müssen.

      Deinen Hinweis mit den fehlenden Begriffen für die Zeit als du noch in dem dir zugewiesenen Geschlecht gelebt hast, finde ich sehr interessant. Und ja, mir ist aufgefallen, dass ich da noch nie drüber nachgedacht habe. Das arbeitet jetzt so ein bisschen in meinem Kopf, danke fürs Anregen 🙂

      Antwort

  6. haiwen
    Nov 04, 2012 @ 13:58:56

    @RobinUrban: Es geht nicht darum, dass *du* homosexuellen Menschen ihr Recht auf Zärtlichkeit abspricht. Es geht darum, dass deine Aussage es komplett ablehnte, einmal Heteroprivilegien zu reflektieren. Es geht darum, dass damit die Übergriffe auf homosexuelle Paare unsichtbar gemacht wurden. Es geht darum, dass aus der alleinigen Erwähnung von „rumheten“, dem Ansprechen des Privilegs eine „Nicht-rumheten“-Vorgabe konstruiert wurde.

    Forderungen zu überhöhen, damit lächerlich zu machen, um sie dann ablehnen zu können – das ist eine Standardtaktik, die vielen diskriminierten Menschen von Priviligierten entgegen gehalten wird.

    Khaos.Kind hat hier auch schon einmal sehr schön beschrieben, was das Problem ist. Ich finde es sehr schade, dass es augenscheinlich nicht bei Dir ankommt.

    Antwort

    • Grace
      Nov 10, 2012 @ 20:29:15

      Mich persönlich stört an der ganzen ‚Rumheten‘-Diskussion eher der Satz: ‚Wir sind einander sicher genug, um es nicht ständig “beweisen” zu müssen‘. Der suggeriert nämlich, dass öffentliche Zärtlichkeiten und Zuneigungsbekenntnisse nur oder hauptsächlich dazu dienen, ein Statement zu setzen (natürlich gibt es das auch, beispielweise wenn Paare z.B. auf Facebook ihr ganzes Beziehungsleben inklusive Streitigkeiten offen legen müssen).
      Ich war sowohl in heterso- wie auch homosexuellen Beziehungen, und wenn ich auf der Straße das Bedürfnis verspürt habe,meinen Partner oder meine Partnerin zu umarmen oder zu küssen, habe ich das einfach getan. Da wurde nicht groß Rücksicht auf Nebenstehende genommen, wem‘ nicht gefällt, kann doch einfach wegsehen. Wenn mein*e Partner*in aber sich nicht so selbstbewusst fühlt, um Zuneigung auch in der Öffentlichkeit zu zeigen, respektiere ich das auch. Ich finde nämlich, dass die Entscheidung, ob man öffentlich zärtlich zueinander ist, allein beim Paar liegen, ob die Partner*innen sich damit wohlfühlen. Warum sollte sich jemand irgendwelchen Erwartungshaltungen beugen? Und ich bin mir durchaus des heterosexuellen Privileg bewusst, aber ich ziehe nicht die Konsequenz daraus, dass ich meine Bedürfnisse unterdrücke, weil sich irgendwer daran stören wird. Wenn wir wollen, dass homosexuelle Paare ihre Zuneigung genauso ausdrücken dürfen wie Heterosexuelle, dann muss homosexuelle Liebe sichtbar werden. Diskriminierung kann doch nicht damit bekämpft werden, in dem man sich aus Angst in sein Schneckenhaus zurückzieht und entsprechenden Leuten keinen Grund zur Diskriminierung geben. Denn das tun sie sowieso.

      Antwort

  7. Trackback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Leben auf Diät, Hunger nach Wörtern – die Blogschau
  8. Kat
    Nov 10, 2012 @ 15:31:08

    Ich höre das Wort „rumheten“ hier zum ersten mal und dachte damit sei einfach „rummachen“ gemeint, dass es sich um eine regionale Ausdrucksweise handelt. So wie es gemeint ist, klingt es für mich abwertend. Was wären denn die Bezeichnungen bei Nicht-Hetero-Paaren? „Rumschwulen“ oder „Rumlesben“? Das klingt für mich alles nicht sehr schön. Gerade wenn ich mich (und ich hätte das Umfeld von Khaos.Kind ähnlich eingeschätzt, so rein intuitiv) in einem für alle Lebens- und Liebensformen offenen Umfeld bewege, sollte es solche Unterscheidungen nicht geben. „Rumheten“ ist doch nur da ein Privileg, wo andere Lebens- und Liebensformen misstrauisch beäugt werden.

    Ich würde eher das „Rummachen“ an sich in Frage stellen, ist es doch ein Privileg jener, die eine Beziehung haben. Wer ungewollt allein oder frisch getrennt ist, dem tut jedes „Rumgemache“ weh, egal wer mit wem. Weil ich viele kenne, die schon lange ungewollt alleine und auf der Suche sind, versuche ich aus eben diesem Grund mich mit Zärtlichkeitsbekundungen zurückzuhalten, weiß ich doch, wie schmerzhaft es sein kann, dies mitansehen zu müssen. Verbieten würde ich das selbstverständlich niemandem wollen, ich gehe zu solchen Leuten aber auf Distanz, um mich selbst zu schützen.

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Nov 10, 2012 @ 23:17:32

      @Kat
      Natürlich ist das abwertend, darum steht es im Text auch in Anführungszeichen. Warum ich es kritisch/problematisch sehe, habe ich im Kommentar an Robin Urban vom 3. November hoffentlich ausreichend ausgeführt.

      Und wie offen das Umfeld einer Person ist oder auch nicht, halte ich für unwichtig. Auch in meinem Umfeld trauen sich nicht alle Nicht-heterosexuellen offen zu ihren Beziehungen zu stehen. Selbst wenn ihnen dort nichts passieren würde, nicht an „oh wie süß“ und nicht an „geh scheißen“ (ein wienerischer Ausdruck). Vielleicht finden sie solche Themen zu privat um sie immer anzusprechen. Müssen sie ja auch nicht. Vielleicht haben sie zu viele schlechte Erfahrungen gemacht.
      Das ist nicht wichtig. Ich finde, ich muss niemandem mein Privatleben unter die Nase reiben. Und ich will nicht unbedingt jedes Privatleben von anderen ungefragt unter die Nase gerieben bekommen. „Rumheten“ ist die Kombination dessen, das gerade Heteropärchen genau das tun. Dafür kann es bei anderen Beziehungsformen kein anderes Wort geben, denn diese werden auch bei geringem Zeigen oft ungefragt und herablassend kommentiert. Was bei Heteropärchen eben höchstens mal mit „Habt ihr kein Zuhause“ kommentiert wird.

      Antwort

  9. dielenamaria
    Nov 10, 2012 @ 20:16:13

    Ich hab eine Weile übelegt, ob ich zu dem Beitrag von Kai Nehm überhaupt etwas sagen sollte, zudem dort kein „Antwort“-knopf angezeigt wird. Aber manche Sachen würde ich einfach ungern unkommentiert da stehen lassen.

    „Drei Zeilen muss man dechiffrieren um zu merken, dass das CSU Familienidyll beschrieben wird.“

    Die drei Zeilen müssen einfach nur gelesen werden, denn darin steht ganz konkret, wie die Beziehung aufgebaut ist. Das lässt sich unabhängig von Normalitäts- und Wertvorstellungen verstehen. „CSU Familienidyll“ mag für manche sehr konkret sein, andere können sich darunter nichts vorstellen. Das hat für mich schon mehr mit Dechiffrierung zu tun. Außerdem ist es wertend – und das interessanterweise auch gleich auf zwei Ebenen: Einerseits stilisiert es diese Beziehungsform als (einzig) erstrebenswerte Idealform, andererseits ist es für Menschen die (wie ich) die Ideologie der CSU ablehnen gleichzeitig auch eine Abwertung. „Langweilige Standard“ wäre eine Selbstabwertung, und glücklicherweise gibt es auch die Möglichkeit, weder sich selbst, noch andere abzuwerten.

    „Wobei mich der Punkt „Bewusst monogam“ am meisten schockiert hat. Es suggeriert, dass mensch in einer Beziehung für diesen Zustand initial argumentieren und einen Konsens erzielen muss.“

    Ich interpretiere das auch so: Monogamie gilt es auszuhandeln. Damit bringst du eigentlich ein super Argument *für* die drei-Zeilen-lange Beschreibung, denn ohne das wäre dieser „Erkenntnisgewinn“ ja nicht herausgesprungen, da es offenbar für dich als selbstvertändlich gilt.

    „Manchmal hat eine normative Erwartung auch Vorteile, nannte man mal Anstand.“

    Mir ist da nun unklar, wo genau dort ein „Vorteil“ liegen soll, allenfalls vielleicht darin, dass man sich zu Beginn ein paar Minuten Gespräch spart. Monogamie vorauszusetzen nannte man mal Anstand, ja, d.h. es wurde zur gesellschaftlichen Norm erhoben.

    Und was ist passiert? (Achtung, ich stelle es vielleicht nun etwas überzogen und vereinfach dar…) Praktisch alle haben sich geschworen, treu zu sein, ein Großteil der Menschen ist dann trotzdem heimlich fremdgegangen, was ja darauf hindeutet, dass die meisten Menschen gar nicht monogam sein wollen. Ich kann an derartigem Verhalten keinen Anstand im engeren Sinne erkennen.

    Zwei Menschen, die sich bewusst und ohne Zwang auf Monogamie geeinigt haben, glaube ich gerne, dass sie das auch durchziehen. Das ist anständig. Zwei (oder mehr) Menschen, die sich bewusst und freiwillig auf etwas anderes einigen, sind ebenso anständig. Anstand vortäuschen, weil es der Anstand gebietet, ist vieles, aber eben nicht anständig. (Ok, bleiben noch die, die monogan leben, weil sie es für moralisch geboten halten, ohne darüber vorher diskutieren zu müssen, und die damit auch zufrieden sind. Sowas würde ich wohl „glücklichen Zufall“ nennen.)

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Nov 10, 2012 @ 23:20:46

      @dielenamaria
      Nur als Hinweis. Bei dem Post auf den du antworten willst bzw. es tust, gibt es keinen Button, weil die Kommentare in diesem Blog nur 3 Ebenen haben und auf die dritte kann quasi nur drunter geantwortet werden, wenn du auf den entsprechenden Button auf der 2. Ebene klickst. Oder einen neuen Strang auf machst, wie du es ja getan hast.

      Antwort

  10. Kat
    Nov 11, 2012 @ 05:10:11

    @Khaos.Kind, da scheinen wir völlig unterschiedliche Lebensumfelder zu haben. In den Kneipen oder Diskos, die ich aufsuche sind ebenso, wie in meinem privaten Umfeld, habe ich noch nie erlebt, dass Homosexuelle Paare in irgendeiner Form beäugt wurden, weswegen ich den Ausdruck rumheten vermutlich nicht kenne. Am Arbeitsplatz halten sich die Leute zurück, aber im privaten Umfeld habe ich das noch nicht erlebt. Aber gut zu wissen.

    Antwort

  11. Melba
    Nov 11, 2012 @ 17:29:20

    Klingt sehr interessant und für mich auch vorbildlich. Die beiden Grundsätze „reden“ und „ernst nehmen“ kann ich nur unterschreiben, dies ist mir besondern in meiner jetzigen Beziehung sehr klar geworden.

    Ich möchte mich aber auch den bereits erwähnten Fragestellungen zu ungleichen Vorraussetzungen innerhalb einer Beziehung anschließen.

    In ein Beziehung bringen beide Partner_innen mal mehr mal weniger unterschiedliche Vorraussetzungen mit, an denen sich nicht immer ohne weiteres etwas ändern lässt, zum Beispiel wenn ein_e Partner_in deutlich mehr verdient, als der/die andere, damit einen höheren Lebensstandard gewohnt ist und diesen auch halten möchte und kann.
    Wenn dann ein gemeinsamer Haushalt geführt wird, ist es dem/der weniger verdienenden Partner_in nicht möglich, die Hälfte zu den Ausgaben beizusteuern.
    Auch wenn eine_r der Partner_innen deutlich mehr Arbeitsstunden pro Woche hat, wird es schwieriger eine gleichberechtigte Aufgabenteilung herzustellen.

    Ein weiterer Problempunkt können unterschiedliche Charaktereigenschaften oder (Wert)vorstellungen sein. In letzter Zeit las ich vermehrt Artikel ( u.a. in der diesjährigen Sommerausgabe von EMMA ), in denen thematisiert wurde, dass sich in heterosexuellen Beziehungen immer wieder die traditionellen Rollenmuster manifestieren, sprich, die Frau die meiste Haushaltsarbeit macht. Gerechtfertigt wird dies dann damit, dass der Mann es der Frau ja nicht rechtmachen kann bei der Haushaltsarbeit, oder er einfach einen anderen Sauberkeitsanspruch habe, als seine Partnerin, und wenn sie es unbedingt so sauber haben will, sich selbst darum kümmern muss.
    Somit werde dann Geschlechterungerechtikeit durch angebliche persönliche Vorlieben gerechtfertigt.

    Ich persönlich kenne diese Problematik aus meiner eigenen Beziehung, nur dass sich dort die Rollenverteilung genau umgekehrt verhält: Mein Partner hat einen höheren Anspruch an Ordnung und Sauberkeit im Haushalt als ich, und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es echt schwer ist, dem Sauberkeitsanspruch von jemand anderem gerecht zu werden, wenn er von dem eigenen so weit entfernt ist.
    Daher finde ich auch solche Schuldzuweisungen, wie in den erwähnten Artikeln, problematisch.

    Was mich momentan sehr beschäftigt, sind Unterschiede in Meinungen und Werten. Was passiert, wenn beispielsweise beide Partner_innen unterschiedliche Meinungen zu gesellschaftlichen Verhältnissen haben, wenn sie bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten völlig unterschiedlich wahrnehmen und bewerten? Was ist wenn ein_e Partner_in sich intensiv mit feministischem Gedankengut befasst und eine hohe Awareness für Geschlechterproblematiken entwickelt, der/die andere das aber nur bedingt nachvollziehen kann?
    Wie geht man mit diesen Unterschieden um? Inwieweit ist es möglich, oder sogar notwendig, sich in Bezug auf solche Wertvorstellungen aneinander anzupassen und einander zu akzeptieren?

    Antwort

    • Khaos.Kind
      Nov 11, 2012 @ 21:13:23

      @Melba

      Wenn dann ein gemeinsamer Haushalt geführt wird, ist es dem/der weniger verdienenden Partner_in nicht möglich, die Hälfte zu den Ausgaben beizusteuern.
      Auch wenn eine_r der Partner_innen deutlich mehr Arbeitsstunden pro Woche hat, wird es schwieriger eine gleichberechtigte Aufgabenteilung herzustellen.

      Diese Frage/Thematik tauchte bereits in den Kommentaren zu meinen oben verlinkten Haushalts-Einträgen auf. Und ja, ich kann es nachvollziehen, dass es in solchen Fällen schwerer ist, die Haushaltstätigkeiten nach Zeitaufwand halbe-halbe zu teilen. Aber in meinen Einträgen habe ich auch erwähnt, dass die Menschen dieses Haushalts, zu dem ich gehöre, es eben so machen unter den klar formulierten Strukturen und Bedingungen. Das muss so nicht für alle passen und kann es höchstwahrscheinlich auch nicht. Wie sie die Haushaltsaufteilung handhaben, müssen alle Beteiligten eines Haushalts untereinander ausmachen. Diese müssen für sich klären, was sie unter Gleicher Verteilung verstehen, welchen Anspruch sie haben und wie diese Werte für sie miteinander vereinbar sind.

      und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass es echt schwer ist, dem Sauberkeitsanspruch von jemand anderem gerecht zu werden, wenn er von dem eigenen so weit entfernt ist.
      Daher finde ich auch solche Schuldzuweisungen, wie in den erwähnten Artikeln, problematisch.

      Finde ich auch Problematisch und habe es in diesem Update zu unserer Regelung ausführlicher besprochen.
      In der Kurzfassung: Gerade bei unterschiedlichen Ansprüchen muss viel geredet werden und alle Beteiligten müssen aufeinander zugehen. Wenn eine Person einen sehr hohen Anspruch hat, muss sie lernen, ein paar Augen zuzudrücken. Die andere muss sich vielleicht mehr einbringen, als es für sie dringend wäre. Schlussendlich geht es darum, dass sich alle Beteiligten wohl fühlen und die Bindung aneinander ist wichtiger als mal ein Staubkorn mehr oder weniger. Finde ich.

      Was mich momentan sehr beschäftigt, sind Unterschiede in Meinungen und Werten. Was passiert, wenn beispielsweise beide Partner_innen unterschiedliche Meinungen zu gesellschaftlichen Verhältnissen haben, wenn sie bestehende Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten völlig unterschiedlich wahrnehmen und bewerten? Was ist wenn ein_e Partner_in sich intensiv mit feministischem Gedankengut befasst und eine hohe Awareness für Geschlechterproblematiken entwickelt, der/die andere das aber nur bedingt nachvollziehen kann?
      Wie geht man mit diesen Unterschieden um? Inwieweit ist es möglich, oder sogar notwendig, sich in Bezug auf solche Wertvorstellungen aneinander anzupassen und einander zu akzeptieren?

      Mhm… schwieriges Thema. Geht es mehr darum, dass eine Person weniger sensibiliert ist oder weniger von Geschlechterhierarchien wissen will? Also ist es mehr fehlendes Wissen oder doch fehlendes Wollen?
      Das mit dem Wissen ist ja nicht so schlimm, das lässt sich machen. Wenn das Wollen fehlt, fände ich es schwieriger. Zumindest von mir kann ich sagen, dass ich mir damit schwer tun würde, wenn ein für mich sehr wichtiges Thema völlig unwichtig ist. Gerade weil es nicht um irgendein Hobby geht wie Autos, Basteln, Programmieren, Pokern, Sport oder Briefmarken sammeln. Sondern um essentielle Gesellschaftsfragen.
      Bis zu einem gewissen Grad mag da ein akzeptieren und einander anpassen noch gehen. Wenn von einem Paar nur eine Person auf Demonstrationen und zu Veranstaltungen geht oder sowas. Aber wenn eine*r von beiden sexistische Sprüche von sich gibt, sie vom näheren Umfeld toleriert oder erwartet, dass die andere Person sich um die komplette Sorgearbeit (Kinder, Ältere, Kranke, Freundschaften) kümmert/die gesamte Finanzierung des gemeinsamen Lebens auf sich nimmt, ohne dass es auch deren Wunsch ist – in solchen Fällen kann ich mir nicht vorstellen, wie das dauerhaft funktionieren kann.

      Antwort

  12. Marishiki
    Nov 14, 2012 @ 20:16:22

    was du hier beschreibst, ist glaub ich so ziemlich genau das, was ich auch von beziehung will. jetzt muss ich nur noch jemanden finden, mit dem das machbar ist.

    jedenfalls, danke fürs sichtbar machen, dass es so geht. ist gebookmarkt als großes beziehungstippdingens.

    Antwort

  13. Naddel
    Nov 19, 2012 @ 17:40:05

    Ich würde die Stunde Beziehungsgespräch nicht so handhaben, da Gespräche „zwischen durch“ bisher ganz gut funktionieren und mein Freund und ich leben auch seit 4,5 Jahren gemeinsam. Den Sinn verstehe ich natürlich, aber da muss man vielleicht der Typ für sein.

    Die Finanzen würde ich auch nicht so streng sehen. Wenn einer mehr verdient, kann er gerne auch mehr zahlen. Als mein Freund und ich in Ausbildung waren, habe ich z.B. mehr Miete gezahlt als er (weil ich mehr zur Verfügung hatte) und wenn wir nächstes Jahr unser erstes Kind bekommen, muss ja auch einer die Betreuung vorerst übernehmen & verdient nichts. Bei uns wird er den Part übernehmen & nicht (viel) arbeiten/verdienen. Ist doch okay, gemeinsam zu wirtschaften. Hauptsache jeder hat auch was für sich und fühlt sich nicht abhängig. Wobei Kinder schon für Abhängigkeit sorgen, weswegen große Femistinnen rieten, keine Kinder zu bekommen – Wir wollen aber…

    Eure Haushaltsaufteilung finde ich gut. Ich würde auch nie mehr machen als er – Da hielte ich meine Feizeit echt für verschwendet, wenn ich sie FREIWILLIG mit Wäsche waschen und Staubsaugen verbringen würde. Das sind nervige Pflichten, die teilt man auf, dann hat jeder was davon.

    Partner-Tage sind auch super und sehr effektiv. Gerade wenn man zusammen wohnt, meint man ja, sich ständig zu sehen. Wir gucken auch fast jeden Abend einen Film zusammen, aber sich mal richtig Zeit zu nehmen für Kino oder einen Museumsbesuch, das ist wieder was anderes und superwichtig.

    Antwort

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