Ich und die Gender Studies, Teil I

Das Semester ist vorbei. Alle Prüfungen und Präsentationen habe ich hinter mir. Ich habe Urlaub. Ein paar Tage.
Also endlich wieder mehr Zeit zum bloggen – dachte ich mir. Und weil mir ja meine Leser*innen wichtig sind, die Liste der geplanten Blogeinträge sowieso lang genug, fragte ich auf Twitter rum, was andere gern mal von mir lesen würden. Aus dem, was dort zurück kam, entsteht dieser Blogeintrag. Und wohl auch die nächsten paar. Interessanterweise häuften sich die Vorschläge in einem Bereich, der in meiner „zu bloggen“-Liste noch gar nicht steht: mein Studium.

Wie unschwer herauszufinden, studiere ich derzeit im Master Gender Studies in Wien.
Strukturell gesehen heißt das, in zwei Jahren Einführungs-, Vertiefungs-, Schwerpunkt- und Reflexionsmodule belegen, am Ende eine wissenschaftliche Arbeit schreiben und somit den akademischen Titel „Master of Arts“ erhalten. So weit, so einfach. Da die Studienvoraussetzungen in Wien bewusst offen gehalten sind und nur mindestens ein Bachelorabschluss vorhanden sein muss, sind die Studierenden relativ heterogen von ihren „Ursprungsdisziplinen“ her. Es gibt gewisse Häufungen in den Kultur- und Sozialwissenschaften, Anthropologie, Soziologie und Sozialarbeit/-pädagogik. Aber allgemein ist von Jurist*innen, Sprachwissenschafter*innen, Literaturwissenschafter*innen, Physiker*innen oder Lehrkräften alles ein bisschen vertreten. Die Anzahl an Studenten ist vergleichsweise gering aber vorhanden. Die Lehrenden sind aus strukturellen Gründen zu 90% Externe und können daher aus den verschiedensten Bereichen ihr Wissen einbringen.

Die Gender Studies nutzen die Freiräume, die das Modulsystem ihnen bietet. So gibt es zwar Empfehlungen z.B. die Einführungsveranstaltungen zu Beginn und die Reflexionsmodule erst mit einem gewissen Vorwissen zu belegen aber grundsätzlich sind die Lehrveranstaltungen frei wähl- und kombinierbar. Eigene Schwerpunktsetzungen sind möglich, sind gewünscht.
Nun wurde ich gefragt, was ich denn so für Schwerpunkte für mein Studium gesetzt habe. Diese Frage kann ich gar nicht wirklich beantworten. Aus meinen bisherigen Lehrveranstaltungen ergibt sich kein Muster oder so etwas. Ich wählte jedes Semester aus, was für mich am spannendsten klang und wo momentan mein Interesse lag. Grundsätzlich sauge ich alles Wissen auf, was ich mitnehmen kann, belege dafür auch mal ein paar Sachen doppelt (also eine Lehrveranstaltung, für die ich die ECTS eigentlich schon habe aber in deren Rahmen in einem anderen Semester ein anderes Thema besprochen wird). Ich habe Seminare zu Ökonomie, Familienkonstruktionen, Intersektionalität, Legal Gender Studies (feministischen Rechtswissenschaft) und diverse Methodenseminare belegt. Was mich sonst noch reizt(e), ist/war die Verbindung zwischen Theorie und Praxis und die transdisziplinäre Zusammenarbeit mit anderen Studienrichtungen, insbesondere die Verbindung zwischen den sogenannten „harten“ und den Sozial-/Gesellschaftswissenschaften. Außerdem noch verschiedene Theorieansätze der Geschlechterforschung, Karen Barad, Epigenetik oder bell hooks (nicht neu aber für mich neu entdeckt: I adore her!).
Mittlerweile bin ich, glaube ich, fertig mit dem „Pflicht“teil und mache mich auf die Suche nach einem Thema und Betreuer*innen für meine Masterthesis. Wird schwer genug. Denn mal ehrlich – zwei Jahre finde ich zu kurz. Ich kann in der Zeit so vieles nur anreißen, mal rein hören. Und muss mich mit diesem bisschen Wissen begnügen, bis ich die Zeit finde, es selbst zu vertiefen.

Tja und dann? Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung was ich nach meinem Abschluss kommendes Jahr machen soll. Liebend gern würde ich in die Wissenschaft und Forschung. Mein Doktorat machen. Es gibt doch noch so viel, dass ich nicht weiß, so viel spannendes, was es zu vertiefen gilt. Ich würde gerne mehr lesen, mehr schreiben, mehr diskutieren und denken. Denn das habe ich an diesem Studium besonders zu schätzen gelernt. Die (meisten) Lehrenden sind so viel besser und freier als noch im Bachelor, die Seminarplanung so viel freier, die Diskussionskultur rücksichtsvoller und zugleich qualitativ anspruchsvoll. Das möchte ich nicht missen, sondern mich in diesen Kreisen voller interessanter und spannender Menschen und Meinungen weiter bewegen.
Auf der anderen Seite möchte ich praktisch bei den Menschen sein. Nicht nur in Kursen und Seminaren, nicht in diesem akademischen „Elfenbeinturm“, sondern dort, wo die Probleme sind und sie mit bekämpfen. Ich möchte nicht nur über eine freiere Welt nachdenken, sondern sie mit gestalten. Will nicht nur sehen, was noch zu tun ist, sondern es mit tun. In meinen Augen sind die Gender Studies grundauf politisch. Ist es Wissenschaft im Allgemeinen, auch wenn einige der alteingesessenen Meinungen ihre sogenannte Objektivität als unpolitisch missverstehen. Es gibt keine Wissenschaft fern ab von gesellschaftlichen Verhältnissen!

Die Zukunft bringt, was sie eben bringt. Im schlechtesten Fall hat mir mein Masterstudium einfach ein persönliches Interesse befriedigt und ich bleibe feministische Sozialarbeiterin. Im besten Falle kann ich irgendwann „alles“ haben: Forschung, Praxis, Beratung, Lehre, Familie, Politik, Bücher, Musik, Filme, Freizeit. Ein Leben, ganz dem Feminismus und einer besseren Gesellschaft gewidmet. Wahrscheinlich wird es irgendwas dazwischen.

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Aktion – Reaktion – Reaktionär?

Seit Mittwoch, dem 5. Oktober 2011 hat die Österreichische HochschülerInnenschaft (ÖH) der Universität Wien wieder eine gewählte *Frauenreferentin. Der ich zu ihrem verdienten Sieg gratulieren möchte. Denn das war dieses Jahr gar nicht so einfach. Und auch wenn ich das letztendliche Ergebnis bedingungslos unterstütze, habe ich doch ein paar Steine im Magen, was die Vorgehensweise anbelangt. Diese möchte ich hiermit niederschreiben, aus dem Kopf, aus dem Bauch und hinein in die Öffentlichkeit.

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